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Selbsthass und Schuldgefühle als Abwehr von Ohnmachtsgefühlen

G. Müller
G. Müller wrote on 15-05-2015

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe LeserInnen,

im letzten Blog hatte ich begonnen, ueber die traumatherapeutische Arbeit mit einer Klientin (Enisa K. - Name geaendert) zu berichten. Zunaechst schilderte ich die Hintergruende fuer ihre schwere Traumatisierung. Heute schreibe ich ueber den Beginn unserer therapeutischen Arbeit.

Wir freuen uns ueber Ihr Interesse!

Haben Sie alle ein schoenes Wochenende!

Herzliche Gruesse

Gabriele Mueller

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Selbsthass und Schuldgefühle als Abwehr von Ohnmachtsgefühlen


Als Enisa zum ersten Termin kam – blass und angespannt, setzte sie sich in den Sessel direkt neben der Tür. Sie saß auf der vorderen Kante, ihre Tasche vor sich wie ein Schild und gleichzeitig an sich gepresst, als wolle sie sich absichern, dass sie jederzeit durch die Tür fliehen könne. Sie hob den Blick kaum vom Fußboden. Leise – eher zu sich selbst als zu mir – sagte sie, dass sie im Krieg vergewaltigt worden sei, aber darüber nicht sprechen könne; dass sie psychiatrisch behandelt werde, dass es ihr aber immer schlechter gehe und sie von einer anderen Frau gehört habe, dass ich ihr vielleicht helfen könne.


In diesem ersten Gespräch würdigte ich ihren Mut und ihre Bereitschaft ins SEKA-Haus zu kommen, erklärte ihr, auf welche Weise wir arbeiten und betonte, dass sie hier über nichts reden oder nichts tun müsse, was sie nicht wolle. Wir sprachen über ihre Symptome: Intrusionen = Überflutung mit traumatischen Bildern und Erinnerungen, massive Schlafprobleme, Alpträume, Panikattacken, Wutausbrüche gegenüber Mann und Kindern, für die sie sich schuldig fühlte, das Gefühl von Sinnlosigkeit, ihre Müdigkeit und Energielosigkeit, die durch die Medikamente noch verstärkt wurde. Darüber, dass sie sich unfähig fühlte, eine schlechte Ehefrau und Mutter. 


Ich erklärte ihr, dass all das, was sie beschreibe, die typischen Symptome und Reaktionen eines Menschen sind, der furchtbare und eigentlich unerträgliche Erfahrungen machen musste, aber dass es möglich sei zu lernen, damit anders umzugehen und die eigene Stärke, den Glauben an sich und die eigene Kompetenz wiederzugewinnen. Dass es dafür allerdings nötig ist, dass wir den Willen und die Motivation haben, uns auf eine Therapie, d.h. die Arbeit an sich selbst einzulassen. 


Während des Gesprächs bemerkte ich, dass Enisa sich etwas entspannte, aber auch dass sie müde wurde. Ich schlug vor, dass wir den Termin für diesmal beenden und dass sie bis zum nächsten Termin darüber nachdenkt, was genau sie in der Therapie erreichen wolle.
Als ich sie fragte, wie sie sich jetzt fühle, stieß sie einen Seufzer aus und sagte mit einem ganz schwachen Anflug eines Lächelns: „Ein klein wenig besser. Ich bin froh, dass ich gekommen bin! Ich glaube, Sie können mir helfen!“

Beim nächsten Termin sprachen wir darüber, was Enisa durch die Therapie erreichen wolle. „Ich möchte gerne wieder normal leben können, mich nicht nur durch die Tage schleppen. Ich möchte, dass die Symptome aufhören und dass ich wieder normal schlafen kann. Ich will diese Angst loswerden und diese furchtbare Anspannung. Ich möchte meinen Kindern eine bessere Mutter sein, Zeit und Geduld für sie haben. Sie sind nun schon fast erwachsen und sie hatten eine so schwere Kindheit!“ Und nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: „Ich würde gerne wieder so werden, wie ich war.“ 


Ich fragte nach, wie sie denn gewesen sei als junge Frau. „Ich war fröhlich und unbeschwert, ich hatte soviel Energie, aber“, fügte sie mit einem bitteren Unterton hinzu: „Ich war so naiv! Ich hatte keine Ahnung vom Leben!“ Und dann: „Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich so naiv war. Wie konnte ich, wie konnten wir glauben, dass sie uns nichts tun würden. Warum sind wir nicht rechtzeitig geflohen. Wir waren so dumm!“

„Nein“, sagte ich, „Sie waren nicht dumm! Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass so etwas Schreckliches passieren könnte! Finden Sie es fair gegenüber der Enisa von damals, dass Sie nun ihr die Schuld geben?“ „Nein!“ flüsterte Enisa und die Tränen schossen ihr in die Augen, „ich konnte nichts dafür!“ Wir sprachen darüber, dass es natürlich ist, dass wir uns nicht immer das Schlimmste ausmalen, das evtl. passieren könnte. Was für ein Leben wäre das? Aber dass wir nach einem traumatischen Ereignis dann genau so reagieren: wir rechnen immer mit dem Schlimmsten. Wir leben dann nur noch in Angst und Anspannung.


Ich erklärte Enisa auch, dass Selbsthass und Schuldgefühle des Opfers mit der Abwehr der tiefen Ohnmachtsgefühle zusammenhängen, da Ohnmacht für uns Menschen das sicherlich schrecklichste Gefühl sei.
Wieder bemerkte ich, dass Enisas Konzentration nach ca. einer halben Stunde nachließ und wir beendeten den Termin.

Fortsetzung im naechsten Blog


Fuer die therapeutischen Angebote benoetigen wir Ihre Unterstuetzung!