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Die letzte Chance für Deniz

Neukirchen-Vluyn, Deutschland

Die letzte Chance für Deniz

Neukirchen-Vluyn, Deutschland

Wir wollen für die Jugendlichen ein angemessenes Wohnumfeld gestalten, das vor allem Geborgenheit und Sicherheit ausstrahlt. Durch gezielte erlebnispädagogische Aktivitäten aus Bildung und Kultur soll die Integration in die Gesellschaft gelingen.

Robert van Beek von Neukirchener Erziehungsverein | 
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Über das Projekt

Für Deniz* beginnt der Tag um 6:45 Uhr. Der Wecker ist unnachgiebig. Zehn Minuten später steht Deniz in der großen Küche des alten Bauernhauses und bereitet das Frühstück vor. Teller, Tassen, Besteck, Brot, Marmelade. Routiniert stellt er alles auf den Tisch, an dem in wenigen Minuten sechs Jungen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren mit ihren Betreuern sitzen werden. Das alles klingt nicht ungewöhnlich, ist es aber bei genauer Betrachtung der Lebensumstände von Deniz.

Deniz lebte mit seiner fünfköpfigen Familie in Köln. Die Mutter war an Multipler Sklerose erkrankt, der Vater wegen Schichtarbeit kaum zu Hause. Schulden drückten, der älteste Bruder war schon lange drogenabhängig, die 15-jährige Schwester im vierten Monat schwanger. Deniz zog es raus, auf die Straße im tristen Kölner Vorort.

„Es hat mich auf die Straße gezogen, sie wurde mein Ersatz für Zuhause. Die Menschen dort passten auf mich auf, sie klopften mir auf die Schulter und sie trauten mir was zu. Wir teilten und ich hatte eine Aufgabe. Irgendwie war mir schon klar, dass Klamotten oder CDs zu klauen nicht in Ordnung war. Auf der anderen Seite konnte ich aber meinen Kumpels damit eine Freude machen oder durch den Verkauf der Sachen Geld verdienen - mir ging es richtig gut.“

Deniz wurde beim Diebstahl erwischt. Nach dem achten Aufgriff zog ein Jugendrichter die Notbremse: Deniz drohte Untersuchungshaft, da jetzt auch Körperverletzung dazukam. Gemeinsam mit der Jugendgerichtshilfe wurde nach einer Alternative gesucht und mit dem UHaft-Vermeidungsprogramm „Stop & Go!“ gefunden, das der Neukirchener Erziehungsverein seit nunmehr zehn Jahren anbietet.

„Permanenter Leistungsdruck, fehlende Zukunftsperspektive, seelische Erkrankungen und finanzielle Notlagen scheinen immer häufiger viele Kinder und Jugendliche nach Alternativen suchen zu lassen, die Halt und Geborgenheit versprechen. Das führt meist unweigerlich in eine Spirale abwärts. Es verfestigt sich in einer Lebenswelt am Rande unserer Gesellschaft. Mangelnde Erziehung der Eltern oder unseres Bildungssystems, unsichere Bindungen oder fehlende positive Vorbilder tragen dazu bei, dass Jugendliche keine Fähigkeit zur positiven Perspektivübernahme entwickeln.“

Sabrina van Bragt ist die Bezugsbetreuerin von Deniz in der Einrichtung und bereitet zusammen mit ihren Kollegen ihren Schützling auf die Hauptverhandlung vor. Sie wird ihn auch dorthin begleiten. Deniz lebt nun für die Zeit bis zur Hauptverhandlung auf einem abseits gelegenen Bauernhof in einem sehr engen Korsett aus strengem Zeitplan, strikten Hausregeln, Verhaltens- und Arbeitstrainings, Schule. Das Konzept von „Stop & Go!“ beschreibt, wie wichtig Kommunikation, Konfrontation und Kooperation sind. Durch die Auseinandersetzung mit dem Arbeitsmodell besteht für die Jugendlichen
die Chance, ihr aktuelles Leben zu beleuchten und eine angemessene Perspektive für die Zeit nach der Hauptverhandlung zu entwickeln.


* Zum Schutz der Persönlichkeit haben wir den Namen geändert.
Zuletzt aktualisiert am 09. September 2020