162. Diesmal außerhalb de Programmreihe Festspielhäusel: Adventskonzert von Musica Antiqua mit dem Scheuerner Blockflötenspielkreis am 2. Advent 2014 in St. Jakob zu Gernsbach
Was ist eigentlich Weihnachtsmusik? Die Frage war für die Alten ziemlich einfach, sie haben in ihrer Frömmigkeit Weihnachten erlebt und dazu Strophen und Melodien gemacht, die dann zur dunkelsten Jahreszeit im Winter passten und die Hoffnung auf die Neugeburt des Lichtes ausdrückten. Die beiden Weihnachtsgeschichten, deren Protagonisten, arme Hirten aus der Umgebung und reiche Könige aus dem Orient, dabei meistens friedlich unter einem Dach zusammen gesehen wurden, um der überraschten Mutter des Christkinds ihre sehr unterschiedlichen Gaben vorzulegen.
Der Kinder mordende Herodes tritt zwar in Weihnachtsspielen auf, im Liedgut sind nur die Könige anzutreffen. Auf der anderen Seite sind die himmlischen Heerscharen, wie sie den Hirten erscheinen, auch im Lied anzutreffen. Martin Luther habe, so sagte es Irene Jung in ihrer Moderation, gern bekannte weltliche Lieder mit geistlichen Texten unterlegt, so 1535 das Spielmannslied Ich komm aus fremden Landen her mit Vom Himmel hoch, da komm ich her. Musica Antiqua sang und spielte es in der weihnachtlichen Fassung von Michael Praetorius vierstimmig, nachdem Sarah Jäckel die blütenreine Akustik der St. Jakobskirche Gernsbach mit der einstimmigen Melodie auf Gemshorn, einem zur Sopranflöte umgearbeiteten Ochsenhorn, erfüllt hatte.
Zentraler Höhepunkt war das Gastspiel von sechs Kindern des Scheuerner Spielkreises, der sich vor den Altarstufen aufstellte. Drei der insgesamt sechzehn Stücke wurden zumeist mit Blockflöten, dazu mit einer Gitarre, gemeinsam mit den dahinter vor dem Altar im Halbkreis postierten „Kollegen“ intoniert. So das englische God Rest You, Merry Gentlemen, erst im gemäßigt andächtigem Tempo nur von den vorn stehenden Flötenkindern und dann mit jähem Wechsel in hoher und tiefer Stimmlage und flottem Takt aus dem Hintergrund einfallend sieben Strophen durch die antik kostümierten „Antiquaner“.
Lang anhaltender Beifall verabschiedete Lina Grittmann, Sarah Kormann, Jakob Schuster, Anthea Karathanos, Felix Beilharz und Milena Kube. Den Rest des Abends von einer guten Stunde filigran vorgetragener mittelalterlicher aber eher noch folkloristischer Musik in der gut besetzten, auf die Dauer abkühlend wirkenden gotischen Kirche vollzogen die zehn von Irene Jung geleiteten Instrumentalisten und Sänger wieder unter sich, das sind außer den Genannten Edith Reik, Magnus Kyre, Eveline Jäckel, Tobias Baumgärtner, Simon Gerstner, Daniel Klaiber, Eckehard Hilf, und Gudrun Rademacher. Sie wechselten mehrfach ihre Spielgeräte, erklärt wurden dabei noch die Drehleier und das Hümmelchen. Im Gegensatz zum Dudelsack, der am Abend auch zum Einsatz kam, eignet sich das Hümmelchen in seiner Lautstärke und Klangcharakteristik für kleinere Räume, etwa in Wohnungen. Daniel Klaiber „switchte“ bei Nova, Nova, in altem Englisch und mittelalterlichem Latein gesungen, zwischen Gesang und dieser kleinen Sackpfeife hin und her. Im Wechselgesang zwischen Männer- und Frauenstimmen erklang weihnachtlich harmonisch der historische Hallenbau, eigenwillig intim z.B. das irische Lied Good People All This Christmas Time aus dem Oxford Book of Carols. Jedem Handgriff am Instrument und jeder Stimme war ein authentischer Platz zugewiesen. Das mag der Sinn weihnachtlicher Konzertmusik sein. Dann können die Stücke auch aus anderen Zeiten stammen, wie Rodrigo Martines vom Cancionero de Palacio. In großen Intervall- und eindringlichen Synkopsprüngen kam die Phantasie eines spanischen Hirten zu Gehör. Die Einsamkeit hatte ihn verführt, sich einzubilden, dass die von ihm gehüteten Gänse Ochsen seien. Zwei Zugaben durfte das am Ende das herzlich applaudierende Publikum mit nach Hause nehmen.
