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"Der Einkaufswagen ist mein Zuhause"

(Gelöschtes Mitglied)
(Gelöschtes Mitglied) schrieb am 23.06.2019
Ein Bericht von Sophie Hilt:

 Ich stehe vor der Ambulanz. Langsam kommt ein riesengroßer Einkaufswagen auf mich zu. Mehrere Tüten und Taschen hängen an den eisernen Gittern des Wagens, und darin befinden sich vier große Koffer. Hinter dem Gefährt kommt eine kleine, dick angezogene Frau zum Vorschein. Sie will zunächst nur zur Kleiderkammer und ich begleite sie. Ich packe mit an und bemerke, dass der Wagen unglaublich schwer ist. Für mich ist es nur eine kurze Strecke, aber die Dame ist wohl tagtäglich mit dieser Last unterwegs.

Kurz darauf kommt sie in die Ambulanz um zu duschen. Alleine schafft sie es nicht, und so helfe ich ihr.

Aus dem Duschen sollte eine Dreistundenaktion werden. Ich hatte zwar gesehen, dass sie dick angezogen war, aber damit habe ich nicht gerechnet. Zuerst nimmt sie drei Mützen, ihre Handschuhe und vier Mäntel ab. Darunter verbergen sich zwei Schneehosen, zwei Jogginghosen, zwei Pullover und vier Paar Socken. Schicht für Schicht wird der Geruch unangenehmer und sie erklärt mir auch warum. Für sie ist es zu kalt für weniger Kleidung. Sie hat zu viel Gepäck, um in einer Notübernachtung aufgenommen zu werden, und kann sich unterwegs auch nicht auf einer Toilette erleichtern, denn dann müsste sie sich alleine wieder aus- und anziehen und das schafft sie nicht. Also hat sie sich in ihre Unterhose eine Decke gestopft, sodass ihr nicht alles das Bein herunterläuft.



Ich helfe ihr beim Duschen und trockne sie anschließend ab. Sie streift sich die frische Kleidung über. Anstelle der Decke schlüpft sie in neun Windeln. Um dem Geruch vorzubeugen sprüht sie alles mit Deo ein.

Luise lebt auf der Straße. Würde sie ihr Gepäck reduzieren, so könnte sie in einer Notübernachtung schlafen und müsste nicht mehr unter diesen schrecklichen Hygienestandards leben. Das kann und will sie aber nicht. Der Einkaufswagen beinhaltet ihr Zuhause, alles was ihr noch geblieben ist.

Sophie Hilt,
FSJ-lerin der Berliner Stadtmission 2018/2019


Wir könnten viel darüber spekulieren, warum sie diesen Einkaufswagen nicht einfach abgibt und doch können viele von uns nicht nachvollziehen, wie es ist alles zu verlieren, loslassen zu müssen von Gewohnheiten und allem, was wir lieb gewonnen haben.

Fälle, wie diese, fordern den Sozialarbeitern viel Geduld und Kreativität ab. Den Menschen zunächst nehmen wie er ist und ihm Schritt für Schritt weitere Hilfen anbieten, ist aber ein Anfang.

Sie ermöglichen uns diese Schritte!
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