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„Wenn das alles vorbei ist, möchte ich Lehrer werden“

Linda P.
Linda P. schrieb am 07.10.2024



Joseph Oleshangay vor dem EU-Parlament, 2024.


Liebe Unterstützerin,
lieber Unterstützer,

als Joseph Oleshangay in Tansania aufwuchs, wollte er Lehrer werden. Sein Traum, die nächste Generation zu formen, wuchs, als er im Laufe der Jahre das Vieh seiner Familie hütete und die weiten Ebenen von Ngorongoro durchstreifte, die er sein Zuhause nennt.

Doch heute ist Joseph kein Lehrer. Er ist Anwalt – ein preisgekrönter und weltweit angesehener Anwalt.

Was wurde aus seinem Traum?

Joseph ist nicht irgendein Anwalt: Er ist ein Anwalt der indigenen Maasai. Und seine Herkunft, die Maasai und ihr Einsatz für Gerechtigkeit sind der Grund dafür, dass sein Leben eine andere Wendung genommen hat.

Josephs Kindheit war idyllisch: Kinder, die sorglos herumliefen, Vieh, das friedlich weidete, bunte Maasai-Kleidung, die im heißen Wind flatterte. „Ich hatte ein einfaches, gutes Leben, als ich jünger war“, erinnert sich Joseph. Doch dieses Leben wurde zerstört, als die tansanische Regierung begann, die Maasai zu schikanieren und den Zugang zu ihrem Land einschränkte – angeblich, weil das für den Naturschutz notwendig war. Die Familien wurden gezwungen, ihr Vieh zu verkaufen und ihre Lebensweise aufzugeben, was sie in die Armut stürzte.

Für die Maasai ist das Weiden der Kühe nicht nur eine Lebensweise, sondern das, was das Leben ausmacht.

Als Joseph sah, wie seine Gemeinschaft litt, wusste er, dass er handeln musste. Er gab seinen Traum vom Unterrichten vorerst auf und studierte Jura, um die Rechte seines Volkes zu verteidigen.

Als wir uns in Deutschland trafen, protestierte er zusammen mit Survival vor der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), die Festungsnaturschutz im Ökosystem der Serengeti unterstützt und so zu einem der „größten Feinde“ der Maasai geworden ist. „Ich wollte kein Anwalt sein, ich musste es sein“, sagte er mir an diesem Tag.

Für seine Arbeit wurde Joseph im Dezember letzten Jahres mit dem Weimarer Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

Josephs Weg war geprägt von Mut und Durchhaltevermögen. Er hat entschlossen vor Gericht gekämpft, mehrere Fälle gewonnen und seinem Volk eine Plattform gegeben. In Zusammenarbeit mit Partner*innen wie Survival gewann er internationale Unterstützung und war Teil einer Delegation von Maasai-Aktivist*innen, die im vergangenen Jahr nach Europa reiste.

Der Einsatz der Maasai veranlasste Mitglieder des Europäischen Parlaments zu einem Besuch in den betroffenen Gebieten, um Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen. Tansania verwehrte ihnen jedoch die Einreise, was von EU-Politiker*innen als „unverständliche Entscheidung“ bezeichnet wurde. Das EU-Parlament forderte Tansania schließlich auf, seine brutale Kampagne gegen die Maasai zu beenden, und die EU-Kommission strich die Finanzierung von Festungsnaturschutz-Projekten in Tansania in Höhe von mehreren Millionen Euro.

Doch der Kampf ist noch lange nicht vorbei. Joseph ist ständigen Bedrohungen durch seine eigene Regierung ausgesetzt, darunter Hausdurchsuchungen und ein Entführungsversuch. Trotzdem bleibt er entschlossen. „Wenn das alles vorbei ist, möchte ich Lehrer werden“, sagt er.

Josephs Geschichte ist ein Zeugnis für die Stärke und Entschlossenheit indigener Völker.

Als er während der Demonstration in Frankfurt im Regen stand, schaute er mich an und sagte: „Ich will nach Hause.“

Wie muss es sein, sich nichts sehnlicher als einen sicheren Ort zu wünschen, den du dein Zuhause nennen, an dem du frei leben und Träume verfolgen kannst: Ist das nicht unser aller Bedürfnis und Recht? Indigene Völker wie die Maasai haben es verdient, genau wie du und ich.

In Solidarität

Niklas Ennen
Pressesprecher
Survival International