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Dakini Juli bis Oktober 2024

Dakini
Dakini schrieb am 19.10.2024
weit ist die see, und der horizont ist nah. ungefähr 6 kilometer.



Liebe Freunde,

ich habe seit längerem nicht mehr berichtet, wie es mit der Dakini in den Monaten Juli, August und September weitergegangen ist. Es war sehr viel los, daher schreibe ich euch erst jetzt, drei Tage vor der Oktober-Mission.

Die Migration ist noch schwieriger und dramatischer geworden, auch im zentralen Mittelmeer, also südlich von Sizilien bzw. Lampedusa. Den vielen Menschen, die ihrer Not entfliehen wollen, begegnet Europa mit zunehmend stärkerer Abwehr, geht Vereinbarungen mit Staaten ein, die innerhalb Europas nicht möglich wären: Migranten in der Wüste auszusetzen, würden europäische Gesetze nicht erlauben. Zuzugucken, wie dies andere Staaten tun, ist offenkundig tolerabel. Es ist schrecklich.

Lichtblick: Die Zahl der NGO-Schiffe hat sich vergrößert. 
Italien begegnet dem mit schikanösen Landungsanweisungen: Ein Schiff, das Schiffbrüchige aufnimmt, muss diese direkt in einem von Italien bestimmten „port of safety“ abliefern. 
Ocean Viking hat 6 Schiffbrüchige aufgenommen und muss diese nach Ravenna bringen. 
Das dauert eine Woche, in der das Schiff für Rettungseinsätze nicht eingesetzt werden kann. Aber natürlich ist es richtig, diese sechs Schiffbrüchigen zu retten. Auch wenn noch viel mehr Menschen Platz gehabt hätten.

Es fehlt der politische Wille, ich fühle mich machtlos. Daher wählte ich das Ziel der Dakini anders: 
Wir halten die Augen nach Schiffbrüchigen offen, wir sichern sie, wir rüsten sie mit Schwimmwesten aus, wenn es nötig ist und mit Trinkwasser, leisten medizinische Erstversorgung, rufen die Coastguard zu Hilfe und stehen den Schiffbrüchigen zur Seite, bis sie von der Küstenwache an Bord genommen werden.  

Die Migrationspolitik ist in Italien heute unmenschlich und für mich unverständlich und sie passt überhaupt nicht zu den Italienern, die mir begegnen: 
Die Coastguard von Lampedusa arbeitet großartig, ist schnell und kompetent. Es sind Seeleute, die Schiffbrüchige retten und (immerhin noch) keine politischen Handlanger Roms. Ihre Schiffe sind nummeriert und heißen alle „Charly Papa“ – das hat nicht mit dem „guten Vater“ zu tun, sondern mit dem „CP“ im Namen aller Coastguard Schiffe. „CP“ wird im Funk als „Charly Papa“ gerufen.

Bis auf den Juni waren wir in diesem Jahr in jedem Monat draußen auf dem Meer, segelten „Streife“ und haben geholfen. Ich werde unseren Einsatz nicht an der Personenzahl Geretteter messen. Auch die Feuerwehr wird nicht an der Zahl der Brände gemessen oder die Polizei oder der Krankenwagen. Jeder einzelne Mensch ist es wert aus seiner Not gerettet zu. Es waren viele Menschen.
Auch, wenn wir alle gerne segeln, unsere Einsätze sind keine Ferienreise. Bisher hat uns jeder Einsatz auch das Grauen der Not gezeigt, von uns aushalten, sachlich bleiben, das bestmögliche tun, hat uns berührt und zu Tränen gerührt. Ich will es nicht beschreiben. 
Natürlich: Ärzte, Notfallsanitäter, Soldaten kennen unsere Probleme aus ihrer Arbeit. Wie sie wollen wir der Not begegnen und nicht abstumpfen. 

Über unseren Einsatz im August hat Niko Hansen einen Artikel geschrieben, den ich allen Freunden ans Herz lege. Er ist in der Zeit 2024 32 erschienen. Ein Link dazu steht unten.

Einmal fahren wir dieses Jahr noch raus, dann gehen wir in die Winterpause. Die See wird stürmisch, Migranten fahren dann nicht aufs Meer. Die Vernunft unterwirft sich dem Meer.

Es grüsst Euch herzlich Euer, 
Sampo

link

https://www.zeit.de/2024/32/seenotrettung-mittelmeer-migration-rettungsschiff-ngo
(man muss nur die eigene email angeben und ein beliebiges passwort eintippen)