Deutschlands größte Spendenplattform

Bitte aktualisiere Deinen Browser

Wir wollen die Welt mit Dir zusammen besser machen. Dafür brauchen wir einen Browser, der aktuelle Internet-Technologien unterstützt. Leider ist Dein Browser veraltet und kann betterplace.org nur fehlerhaft darstellen.

So einfach geht das Update: Bitte besuche browsehappy.com und wähle einen der modernen Browser, die dort vorgestellt werden.

Viele Grüße aus Berlin, Dein betterplace.org-Team

Fill 200x200 bp1511448603 logo

Ofarin e.V.

wird verwaltet von P. Schwittek (Kommunikation)

Über uns

Der Verein OFARIN e.V. wurde 1996 in Deutschland gegründet, um die Lebensbedingungen der Menschen in Afghanistan zu verbessern. Schwerpunkte der Projektarbeit sind die Grund- und Vorschulbildung von Kindern und der Unterricht für Frauen.

OFARIN ist eine Abkürzung von „Organisation zur Förderung afghanischer regionaler Initiativen und Nachbarschaftshilfen“. In den afghanischen Landessprachen Dari und Paschtu bedeutet „Ofarin!“ oder „Afarin!“ soviel wie „Prima!“ oder „Genau richtig!“

Letzte Projektneuigkeit

Latest news

Brief von Ehepaar Schwittek aus Afghanistan

  P. Schwittek  03. Februar 2018 um 19:15 Uhr

Liebe Freunde von OFARIN,wir hatten versprochen, monatlich Rundbriefe zu versenden, die Auskunft über die Lage unserer Organisation und unserer Arbeit geben.


Wenn wir in diesem Monat sonstige Berichte, Mitteilungen oder ähnliches in die Homepage gesetzt hätten, die nicht direkt über OFARINs Situation berichten, dann wollten wir hier darauf hinweisen. In diesem Januar besteht allerdings kein Anlass dazu. Auch in diesem Rundbrief gehen wir auf Details, z.B. des Unterrichts, ein, die nicht jeden interessieren, der etwas über die Zukunftschancen von OFARIN erfahren will. Solche Spezialthemen verbannen wir in den Anhang, der am Ende dieses Rundbriefs steht. Dort kann sie jeder lesen, der das will.

Wir, meine Frau Anne Marie und ich, sind seit 8. Januar wieder in Kabul. Zu Hause hatte uns nach Neujahr noch der Bayrische Rundfunk 1 und 2 und das Bayrische Fernsehen interviewt. Das Fernsehinterview finden Sie auf der Homepage ofarin.de .In Kabul war die Situation die: Die bisherige Unterstützung von Misereor war im Juni ausgelaufen. Das bischöfliche Hilfswerk gewährte uns von Juli 2017 bis Februar 2018 noch eine abschließende Förderung, die uns die Weiterarbeit bis Ende Februar möglich macht. Monatlich steht uns nur noch ein Drittel des Geldes zur Verfügung, das wir bis Mitte 2017 hatten. Wir mussten die Hälfte der Klassen schließen und die Gehälter des verbleibenden Personals drastisch kürzen. Ab März fallen wir auf die eigenen Füße.

https://betterplace-assets.betterplace.org/uploads/project/image/000/058/656/180933/limit_600x450_image.jpg


Erst von da an werden wir die Spendengelder einsetzen, die uns die Menschen anvertraut haben.Der verbleibende Unterricht fand überall statt. Trainer besuchten fleißig die Klassen und berichteten über ihre Beobachtungen. Seminare, in denen Lehrer auf neue Unterrichtsgebiete vorbereitet wurden, fanden statt. Wir haben in dieser schwierigen Zeit sogar das Paschtu-Unterrichtswerk abgeschlossen und das Konzept eines Ersatzunterrichtes für Zeiten angepackt, in denen ein Teil der Schüler tatsächlich „nicht kommen kann“. Über den Paschtu-Unterricht und den Ersatzunterricht hatten wir schon lange gelabert. Jetzt werden Nägel mit Köpfen gemacht. Über beides finden Sie mehr im Anhang am Ende dieses Rundbriefes.

Wir haben einige OFARIN-Moscheen besucht. Überall brannten Öfen. OFARIN hatte für das Heizmaterial gesorgt. Die lokalen Trainer wiesen uns auf viele Lehrer hin, die überhaupt nicht bezahlt werden. Wir haben über 30 solcher Lehrer, die wir seit Juli nicht mehr entlohnen, die aber brav weiter unterrichten. Gerade berichteten Kollegen, dass sie von einem Mullah angesprochen wurden. Der bat um unseren Unterricht in vier Klassen. Nein, die Lehrer bräuchten wir nicht zu entlohnen, die würden umsonst arbeiten. Wir müssten nur das Unterrichtsmaterial stellen, die Lehrer in Seminaren auf ihren Unterrichtseinsatz vorbereiten und den Unterricht durch Besuche begleiten. 

https://betterplace-assets.betterplace.org/uploads/project/image/000/058/656/180936/limit_600x450_image.jpg



Ein solches Ersuchen kann man nicht ablehnen.Manche von Ihnen mögen jetzt glauben, dass das unsere Probleme löst. Wir müssten nur alle Lehrer davon überzeugen, dass sie unbezahlt unterrichten, dann bräuchten wir keine Spenden einzuwerben. Menschen, die sich zur Verfügung stellen, um ohne Bezahlung zu arbeiten, bringen ein Opfer, das wir nicht genug würdigen können. 


Die sagen uns was.Aber für OFARIN sieht die Rechnung anders aus. Wir benutzen die Faustregel, dass uns das Unterrichten von 100 Schülern pro Jahr 10.000 € kostet. In diesen 10.000 € sind die Kosten für Lehrer und Unterrichtsmaterial, aber auch die anteiligen Kosten für unser Büro, für unsere Autos (alle zehn bis zwanzig Jahre alt), für die Verwaltung, die Betreuung durch die Trainer und das Holz zum Heizen der Unterrichtsräume enthalten. Da ist nichts dabei, auf das wir verzichten könnten. 

Einige von Ihnen haben Excel-Tabellen von uns gesehen, in denen wir diese Kosten in Abhängigkeit von der Anzahl der Schüler, die wir insgesamt haben, darstellen. Die Kosten für die Löhne der Lehrer betragen 15 % bis 20 %. Mit dem Verzicht der Lehrer auf Bezahlung können wir das Unterrichtsprogramm also nicht retten. Und es wäre, verdammt noch mal, ungerecht.

https://betterplace-assets.betterplace.org/uploads/project/image/000/058/656/180930/limit_600x450_image.jpg



Der Lehrer bekam bis Juli 2017 einen Monatslohn von 3.000 Afghani. Das sind knapp 36 €. Wer den ARTE-Film gesehen hat, wird sich daran erinnern, dass die Lehrerin Nadia, die umsonst arbeitete, sagte, dass der Lohn, den sie erhielt, als sie noch bezahlt wurde, für das Fahrgeld zum Unterricht reichte. Jetzt sind die Löhne der Lehrer auf 24 € oder teilweise gar auf 12 € reduziert. Nun gut, der Lehrer arbeitet bei OFARIN nur 90 Minuten täglich. Aber wir hoffen, die Löhne irgendwann wieder auf die früheren 3.000 Afghani anheben zu können. Auch das wäre immer noch sehr wenig.

Am Montag waren wir in Paryan am Ende der Pandschir-Provinz. Unser dortiges Unterrichtsgebiet Qul-e-Koha liegt 3000 m hoch. Anne Marie und wohl auch Zikria, einer unserer Fahrer, hatten Probleme mit der Höhe. Eigentlich ist es in ganz Afghanistan diesen Winter bisher sehr mild. Vor allem fielen noch keine nennenswerten Niederschläge. Zwar hat sich in den letzten Jahren, die Zeit, in der es regnet oder schneit, immer weiter ins Frühjahr hinein verlagert. Aber allmählich machen wir uns Sorgen. Selbst in Paryan war die Schneedecke dürftig. Doch wenn man aus Kabul kommt, ist es dort oben kalt, richtig kalt.Was wir von unseren dortigen Schülern und Lehrern sahen und hörten, hat uns aber das Herz erwärmt. Die Schüler beantworteten alle Fragen. Es sei zugegeben, dass der Unterricht noch etwas langsam vorangeht! Nach einem Jahr war nur das Pensum von neun Monaten erledigt. Aber das saß um so besser. 

https://betterplace-assets.betterplace.org/uploads/project/image/000/058/656/180921/limit_600x450_image.jpg



Das Seminar mit den Lehrern war etwas zäh.Bisher hatten wir nur sechs Klassen. Jetzt haben wir acht. Die beiden neuen Klassen werden von Lehrerinnen unterrichtet. Wir hatten früher immer wieder Lehrerinnen auf dem Land – in anderen Gegenden der Pandschir-Provinz, in Logar und ganz früher auch in Wardak. In allen diesen Gegenden gab es immer das gleiche Problem: den Herrenbesuch. Die Lehrerinnen besuchten problemlos die Seminare, die Mitarbeiter von OFARIN abhielten. Aber den Unterricht der Damen durfte niemand von OFARIN besuchen. Darauf ließen wir uns nie ein und feilschten monatelang mit den Ältesten der Gegend. Schließlich konnte in jedem Fall durchgesetzt werden, dass ich – dank meines fortgeschrittenen Lebensalters – zusammen mit einem älteren Herrn aus der Gegend den Unterricht besuchen durfte. „Aber komm‘ uns nicht mit Deinen Kabuler Kerlen!“

In Paryan gibt es keine Einschränkungen des Besuchsrechts für OFARIN. Nur haben wir keine Bilder von den Lehrerinnen aufgenommen. Das uneingeschränkte Besuchsrecht ist ein deutliches Zeichen für das Vertrauensverhältnis zwischen OFARIN und den Menschen in Qul-e-Koha.


https://betterplace-assets.betterplace.org/uploads/project/image/000/058/656/180938/limit_600x450_image.jpg


In Deutschland herrscht Ordnung. Versuche, unser Programm durch direkte Appelle an den zuständigen Minister zu retten, wurden erst garnicht und dann von einem Ministerialbeamten abgespeist. Wir mussten uns an den Dienstweg halten. Für Hilfsorganisationen, die sich entwicklungspolitisch engagieren, gibt es nur einen direkten Weg zur staatlichen Unterstützung, den über eine halbstaatliche Stelle namens Bengo. 
Dort muss man einen Antrag stellen und sich und den Antrag prüfen lassen. Das scheint eine sehr arbeitsintensive Angelegenheit zu sein. Wir wandten uns daher an die für Afghanistan zuständige Dame und baten um nähere Auskunft. Wir bekamen eine freundliche und ausführliche Erklärung, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen und welche Prozeduren wir durchlaufen müssen.Das Projekt, das bei Bengo beantragt wird, soll die Lebensumstände von armen Teilen der Bevölkerung verbessern. 

Der Antragsteller muss in der Regel einen Eigenanteil von 25 % des benötigten Geldes selber aufbringen. Er muss die Durchführung des beantragten Projektes einer eingetragenen afghanischen Organisation überlassen und diese bei der Durchführung begleiten. Die Verantwortung darf der Antragsteller selber tragen. Durch das Dazwischenschalten einer einheimischen Organisation wird afghanische Zivilgesellschaft geschaffen. Die Unterstützung durch Bengo ist aber nur eine Anschubfinanzierung. Nach vier Jahren soll sich das Projekt selber finanzieren und den einheimischen Partner auch, so dass dieser selbständig wird, oder Partner und Projekt sollen staatlichen Institutionen unterstellt werden, die beides dann weiter unterhalten. Diese Weiterexistenz macht das Projekt „nachhaltig“.Die 25 % Eigenanteil sind eine Bedingung, gegen die es kaum Einwände gibt, der OFARIN aber erst seit wenigen Wochen gerecht werden könnte. 

Der Rest der Bedingungen ist schlicht nur ärgerlich. Manche von Ihnen werden auch schon den Kopf geschüttelt haben. Ich kann mir eine längere emotionale Reaktion nicht verkneifen. Die schiebe ich in den Anhang. Wer es eilig hat, kann das später lesen.Auf jeden Fall stand fest, dass der deutsche Staat für OFARINs Programm keine Zukunft bieten kann. Vielleicht kann man später mal mit der Hilfe von Bengo ein Randprojekt durchführen, z.B. eine Baumaßnahme. Doch dafür fehlt mir im Moment das Vorstellungsvermögen. Unser Staat ist einem guten Programm, wie dem von OFARIN, das echte Nachhaltigkeit produziert und den Aufbau der Zivilgesellschaft tatsächlich fördert, einfach nicht gewachsen.Kann OFARIN überleben, wenn der Staat nicht hilft? Ja, OFARIN kann. 

Viele Menschen, auch aus dem Ausland, haben uns unterstützt. Mitte Januar waren gut 100.000 € zusammengekommen. Dann ist unsere Kassenwartin verreist und wir werden hier in Kabul erst wieder Mitte Februar erfahren, wie der Kassenstand ist. Uns hat die große Hilfsbereitschaft sehr berührt. Es ist ja nicht nur das Geld. Jede Spende ist auch eine Anerkennung, ein Zeichen der Solidarität, ein Trost. So etwas haben wir alle, auch alle afghanischen Kollegen, nach den schweren Zeiten, in denen wir nicht wussten, ob es weitergeht, dringend gebraucht. Wir bedanken uns nochmals ganz herzlich.

Am 1. März beginnt die Zeit, in der uns Misereor ganz verlassen haben wird und in der OFARIN von dem Geld, das bis dahin gespendet wurde, leben wird. Wir haben institutionelle Spender angesprochen. Die brauchen länger bis sie sich entscheiden. Viele Stiftungen entscheiden nur einmal im Jahr über ihre Zuwendungen. Da muss man Geduld haben. Das Geld, das bisher zusammengekommen ist, ermöglicht uns die Weiterarbeit für ein Jahr. Wir haben Zeit, um uns um weitere Unterstützung zu bemühen. OFARIN wird weiter existieren, nicht nur ein Jahr lang. Das ist ein Grund froh zu sein.

Aber uns zurücklehnen und entspannen können wir nicht. Ich bin sicher, dass wir am 1. März noch deutlich mehr als 100.000 € haben werden, mit denen wir weiterarbeiten können. Aber wir kalkulieren grob, dass wir für die Unterrichtung von 100 Schülern jährlich 10.000 € brauchen. Mit 100.000 € können wir uns also 1.000 Schüler leisten. Bis Mitte 2017 hatten wir 9.000 Schüler. Seitdem haben wir noch knapp 5.000 Schüler. Wir können also sehr froh sein, wenn wir diese Schüler ab März weiter betreuen können. Und selbst wenn das möglich wäre, würden noch gut 4.000 Schüler gerne zurück zu unserem Unterricht kommen. Und 300 Lehrer und Hilfskräfte, die bis Mitte 2017 gearbeitet haben, warten auch auf eine neue Chance. Selbst als wir 9.000 Schüler hatten, war die Nachfrage nach weiterem Unterricht groß. Man soll in Afghanistan kein Programm in kurzer Zeit groß werden lassen. Aber 9.000 Schüler haben wir vor kurzem noch „gekonnt“. Das Personal dafür wartet. Deshalb müssen wir von OFARIN ehrlich aber brutal sagen: „Wir können den Hals nicht voll genug bekommen.“ Doch das soll die Freude darüber nicht verderben, dass OFARIN weiter existiert. Ausruhen können wir uns leider nicht, aber durchatmen schon.Dieser Bericht ist reich an Erfolgsmeldungen. Sehr vieles läuft. Vieles kommt voran. Mir sind solche Jubelhymnen nicht geheuer. Das pfuscht mir zu sehr über die Probleme hinweg, die wir haben und die unser Gastland Afghanistan hat. Aber


es stimmt, dass unser Programm trotz erheblicher Eingriffe und saumäßiger Bezahlung der Mitarbeiter in voller Ordnung arbeitet. Es stimmt, dass über dreißig Lehrer ohne jede Bezahlung weiterarbeiten. Es stimmt, dass Afghanen auf uns zukommen und darum bitten, ihnen beim Aufbau von Unterricht mit unbezahlten Lehrern zu helfen. Es stimmt, dass das Paschtu-Unterrichtsprogramm fertiggestellt wurde, von dem wir Jahre lang geträumt hatten. Es stimmt, dass wir nicht mehr nur auf die ärgerlichen Zeiten starren, in denen ein Teil unserer Schüler nicht anwesend sein konnte, sondern dass wir aktiv für diese Zeiten Lösungen suchen. Es stimmt, dass in Paryan, also auf dem Land, Lehrerinnen ohne Einschränkungen unterrichten, was wir bisher noch nie erreicht hatten. Und es stimmt, dass unsere Arbeit in der Heimat von der Öffentlichkeit anerkannt wird und dort großen Rückhalt hat.Und auf all das darf man doch etwas stolz sein.  Kabul, den 25.1.2018                                                                     Peter Schwittek.                                                                                        

Anhang zum Januar-Rundbrief 2018      

 Das Paschtu-Unterrichtswerk ist ein ausführliches Anweisungsbuch für die Lehrer und Arbeitsmaterial für die Schüler. Das wurde also in dieser turbulenten Zeit fertig gestellt. Wir hatten das seit Jahren geplant, aber nie geschafft. Jetzt kann unser Unterricht in vielen weiteren Landesteilen gegeben werden. Im Augenblick haben wir nur Paschtu-Klassen in einem Teil von Logar. Der Ersatzunterricht: Für uns stellt der Unterricht der staatlichen Schulen ein Problem dar. Während des Winters sind die staatlichen Schulen in den kalten Provinzen, in denen alle unsere Arbeitsgebiete liegen, geschlossen. 


Nach Frühjahrsbeginn fängt das neue staatliche Schuljahr an. Dann benötigen die Schulbehörden einen guten Monat, den Schulklassen die endgültigen Unterrichtszeiten zuzuteilen. Vor allem die Raumnot scheint Probleme zu bereiten. Immer wieder werden die Unterrichtszeiten geändert. Da die meisten Schüler von OFARIN auch die staatliche Schule besuchen und viele unserer Lehrkräfte Oberschüler sind, ist das ein Problem. Ein Teil der Schüler bemüht sich, zu den jeweiligen Unterrichtszeiten in den staatlichen Schulen anwesend zu sein. Dann bleiben sie dort als Schüler registriert. Leider können sie deshalb nicht zu unserem Unterricht kommen.In den staatlichen Schulen lernen die Schüler kaum etwas. Sie besuchen den Unterricht dennoch, damit sie ihre Aussichten wahren, in den Staatsdienst aufgenommen zu werden. Wer in den Staatsdienst will, muss den Besuch von 9, für viele Verwendungen, den Besuch von 12 Klassen der staatlichen Schulen nachweisen.

Angesichts des afghanischen Arbeitsmarktes ist der Staat ein sehr wichtiger Arbeitgeber.Schüler, die den Unterricht in den staatlichen Schulen nicht versäumen wollen, kommen in den Wochen nach Frühlingsanfang allenfalls unregelmäßig zu OFARINs Unterricht. In vielen unserer Klassen fehlt wochenlang bis zur Hälfte der Schüler. Ähnlich sieht es aus, wenn in den staatlichen Schulen Zwischenprüfungen stattfinden. Dafür sind bestimmte Wochen im Jahr festgelegt. Manche unserer Klassen werden von mehreren Kindern besucht, die untereinander verwandt sind. Wenn dann in dieser Sippe eine Hochzeit stattfindet, ist ein Teil der entsprechenden Klasse einige Tage abwesend. Auf dem Land werden zu bestimmten Jahreszeiten bestimmte Früchte geerntet (Maulbeeren, Getreide, … ).

Dann müssen viele Kinder mitarbeiten und kommen nicht zu unserem Unterricht. Bisher haben wir für solche Zeiten ganze Klassen geschlossen oder uns einfach geärgert. Jetzt wollen wir für die Zeiten, in denen wir nicht die volle Anwesenheit der Klassen erzwingen können, Ersatzunterricht anbieten. In diesem Ersatzunterricht wird der eigentliche Schulstoff nicht vermittelt. Schüler die abwesend sind, versäumen nichts, was ihnen fehlt, wenn der normale Unterricht später fortgeführt wird. Im Ersatzunterricht beschäftigen sich die Schüler, die weiter zu unserem Unterricht kommen mit der Uhr, mit dem Messen von Gewichten und Längen oder sie wiederholen älteren Unterrichtsstoff. Wir sind dabei, solchen Unterricht zu planen und auszuarbeiten.
Lange hatten wir an diese Möglichkeit gedacht. Jetzt packen wir das Problem an.

Roya ist jetzt sechseinhalb Jahre alt. Als sie gut anderthalb war, haben wir sie, zusammen mit ihrem Vater Hekmat, der bei uns als Wächter arbeitet, mit nach Deutschland genommen. Roya hatte eine beidseitige Hüftluxation und wurde in München erfolgreich operiert. Ohne den Eingriff hätte sie ihr Leben lang nur mit großen Mühen so etwas wie Laufen gekonnt. Hekmat und Roya leben in Qarabagh, gut 40 km nördlich von Kabul. Die Gegend ist unsicher, nicht nur wegen der Taliban. Auch Räuberbanden treiben ihr Unwesen. Wir Ausländer können derzeit nicht dorthin reisen. Roya, aber auch ihr ältester Bruder Ismail, kommen gerne zu uns nach Kabul.

https://betterplace-assets.betterplace.org/uploads/project/image/000/058/656/180926/limit_600x450_image.jpg


 In Roya wirkt der Auslandsaufenthalt deutlich nach. Sie ist sehr selbstbewusst und kämpferisch. Ein bisschen sind wir für sie so etwas wie Zweiteltern. Es fiel uns schwer, hinzunehmen, dass Roya nicht lesen und schreiben lernen soll.Wir haben das mit Hekmat besprochen. Der hat uns einen Neffen vorgestellt, der Roya gerne unterrichten würde. Es bliebe nicht bei Roya. Hekmats Großfamilie kann reichlich Kinder aufbieten, die lesen und schreiben lernen müssten. Die Nachbarn könnten weitere Klassen füllen. Der künftige Lehrer hat an einem unserer Seminare teilgenommen. Ihm fehlt noch vieles.

Er versucht einen staatlichen Lehrer nachzuahmen, wie er ihn in seiner Schule kennen gelernt hat. Daran müssen wir arbeiten, bevor wir ihn auf Kinder loslassen. Roya hat sich schon erfolgreich auf ihre Schülerinnenrolle vorbereitet. Von Anne Marie hat sie ein Heft und einen Bleistift erbettelt und malt und „schreibt“ schon fleißig.Dass wir trotz unserer Schwierigkeiten einen neuen Kriegsschauplatz eröffnen, spricht nicht für ein vernünftiges Management. Aber so ganz ist es nicht. OFARIN hat damit nicht viel zu tun. Deshalb steht dieser Bericht auch im Anhang. OFARIN stellt eine Schultafel, Kreide und Unterrichtsmaterial, schult den Lehrer und schickt alle vier Monate einen Trainer nach Qarabagh. Den Lehrer und seine Fahrten nach Kabul bezahlen Anne Marie und ich.

Bengos Bedingungen für eine Zusammenarbeit mit privaten Hilfsorganisationen sind alte Bekannte aus dem letzten Jahrtausend. In den frühen neunziger Jahren war diese Ideologie plötzlich überall präsent. Ich erinnere mich noch daran, wie der Vertreter einer großen deutschen Hilfsorganisation in einem Vortrag in Pakistan emphatisch erklärte: „Ein Projekt, das sich nicht nach kurzer Zeit selbst trägt, ist kein gutes Projekt.“ Ein amerikanischer Kollege wandte sich bereits damals kopfschüttelnd ab. Schon 1995 sagte der für Afghanistan zuständige Sachbearbeiter des Auslandsdienstes der Caritas: „Ich habe viel von diesen Projekten gehört, die im ersten Jahr eine Anschubfinanzierung bekommen, im zweiten Jahr noch kleine Verluste machen, sich im dritten Jahr selbst tragen und vom vierten Jahr an satte Gewinne abwerfen. Gesehen habe ich noch keines.“

Dr. Georg Krämer, der Sachbearbeiter, der das so sah, wurde bald danach Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes.Große Organisationen machten sich schnell frei von dieser Ideologie. Die politischen Stiftungen oder die großen kirchlichen Hilfswerke, die weitgehend von staatlichen Geldern leben, hatten Einfluss genug, um diesen alten, unpassenden Hut schnell wieder abzusetzen. Wie sonst hätte OFARIN seit 1998 sein Moschee-Schulprojekt gründen und aufbauen können? Es wurde weitgehend mit staatlichen Mitteln finanziert, die allerdings zunächst durch Kanäle der Caritas und später Misereors flossen. Misereor förderte auch andere europäische Hilfsorganisationen direkt,
unterhielt aber eine Zeit lang ein Verbindungsbüro, das Projekte über afghanische Hilfsorganisationen durchführte, wie Bengo das wünscht. Misereors Erfahrungen führten dazu, dass das Verbindungsbüro geschlossen wurde und Misereor sich auf keine direkte Zusammenarbeit mit afghanischen Nichtregierungsorganisationen mehr einließ

.In den projektfernen Amtsstuben des BMZ hat die gute alte Ideologie aber überlebt und Bengo muss sie gegenüber den Nichtregierungsorganisationen durchsetzen. Diese privaten Hilfsorganisationen haben leider nicht die Macht wie die politischen Stiftungen oder die kirchlichen Hilfswerke.Dabei ist diese Ideologie nicht dem gesunden Menschenverstand, geschweige denn der Praxis in den Entwicklungsländern gewachsen.Wie sollen sich schulische oder medizinische Projekte, die sich an arme Teile der Bevölkerung wenden, wirtschaftlich selber tragen?Wie soll die ausländische Trägerorganisation sicherstellen, dass die einheimische Partnerorganisation Mindeststandards einhält?

Bei medizinischen Projekten ist das eine Frage von Leben und Tod. Auch bei Erziehungsprojekten ist es eine harte Arbeit, afghanischen Kollegen einen Sinn für das solide Beherrschen des Stoffes bei zu bringen. Hier geht es darum, den Schülern das selbständige Arbeiten zu vermitteln. Das steht dermaßen allen afghanischen Traditionen entgegen, dass es etliche Jahre braucht, bis Lehrer diese fremden Methoden verinnerlicht haben. Die von Bengo ins Auge gefassten Zeiten werden dem bei weitem nicht gerecht.Vor allem ist es aber eine Duplikation des Personaleinsatzes, solche Ziele sowohl der eigenen Belegschaft, die ja auch ganz überwiegend aus einheimischem Personal besteht, beizubringen und dann noch dem Personal der Partnerorganisation. Das kommt ziemlich auf eine Verdoppelung des Personals heraus und auf erhebliche Reibungsverluste. Dieser Personalaufwand ist kostspielig.

Sicher, so wird deutlich mehr Zivilgesellschaft geschaffen, als wenn die ausländische Organisation nur mit eigenem Personal arbeitete.Wie aber sieht die Zivilgesellschaft aus, die da geschaffen wird?Sie besteht aus einer Klasse von Leuten, die einigermaßen Englisch sprechen, etwas Word und vielleicht sogar etwas Excel beherrschen, und dank einer weit über dem landesüblichen Niveau liegenden Bezahlung hoch über dem Rest der Gesellschaft schweben.Welche staatlichen Institutionen sollen erfolgreiche einheimische Partnerorganisationen später unter ihre Fittiche nehmen? Hat sich jemand vom BMZ jemals im afghanischen Gesundheits- oder im Erziehungsministerium umgesehen? Hat jemals ein BMZ-Beamter den Unterricht in einer staatlichen Schule erlebt?Eine Bundestagsabgeordnete hatte einen Brief von mir ans BMZ geschickt, in dem ich behauptete, dass die afghanischen Schulen praktisch keine Leistung erbrächten und dass die meisten Absolventen nach zwölf Schuljahren praktisch Analphabeten seien. Dort wies ein Beamter meine Behauptungen vehement zurück. Die Qualität des afghanischen Schulunterrichts sei in den letzten Jahren viel besser geworden.

 Zu Talibanzeiten seien nur eine Million Kinder in die Schule gegangen, jetzt seien es 9 Millionen. Das hat zwar nichts mit Unterrichtsqualität zu tun. Unter den Taliban durften Mädchen nicht in die Schulen gehen. Dass der afghanische Erziehungsminister, von dem die Zahl der 9 Millionen Schulbesucher stammt, dabei alle afghanischen Kinder, die in Pakistan und im Iran leben und dort die Schule besuchen, mitgezählt hatte, wusste der deutsche Ministeriale nicht.

Dass die Bundesrepublik seit 2002 rund 210 Millionen € für die Förderung der Grund und Sekundarausbildung in Afghanistan ausgegeben hat, dürfte dagegen stimmen, kann aber überhaupt keine Freude aufkommen lassen. Wieviel Geld für so wenig Ergebnis! Wenn man wissen will, was man sich unter dem afghanischen Erziehungsministerium vorzustellen hat, sollte man sich die Mühe machen, die Zusammenfassung einer Studie über Korruption im Erziehungsministerium durchzugehen, die unter dem Link afghanistan-analysts.org/education-an-ideal-corrupted-an-assessment-of-afghanistans-ministry-of-education zu erreichen ist. Meine eigenen Beobachtungen über das afghanische Schulsystem (siehe Rundbrief vom 7.9. auf der homepage  ofarin.de !) sehen auf den ersten Blick etwas anders aus. Das Ergebnis ist das gleiche. Das Erziehungsministerium ist – ebenso wie auch das Gesundheitsministerium und viele andere Ministerien – vollkommen korrupt und inkompetent. Einem solchen Ministerium kann man eine Organisation nicht unterstellen, die in der Lage ist, gewisse Leistungen zu erbringen.Das afghanische Erziehungswesen ist von den USA lange wider besseres Wissen schöngeredet und als Erfolgsgeschichte verkauft worden, um Kritikern, die den Afghanistan-Einsatz als Misserfolg sehen, etwas entgegen zu halten. Deutsche Stellen haben diese Darstellung gerne übernommen, allerdings nicht einmal wider besseres Wissen, sondern ohne jedes Wissen.

https://betterplace-assets.betterplace.org/uploads/project/image/000/058/656/179159/limit_600x450_image.jpg



OFARIN hat damit angefangen, elementaren Schulstoff so zu vermitteln, wie man es in Europa für angemessen hält. Der Stoff muss in unserem Sinne „verstanden“ werden. Die Schüler sollen das Gelernte mit Selbstvertrauen und Freude anwenden können. Diese Art Unterricht haben wir Ausländer nach Afghanistan gebracht. Es war ein Fremdkörper. Wenn Sie wollen, bezeichnen Sie uns als Kolonialisten oder wenigstens Eurozentristen! Die afghanischen Mitarbeiter haben die Methoden nachgemacht, aber schließlich verinnerlicht. Ebenso ging es den Lehrkräften, die OFARIN anstellte, und letztlich auch den Schülern. Der Erfolg überzeugte. Schulunterricht ist in Afghanistan sonst ein todtrauriges, erfolgloses Unterfangen. OFARIN hat etwas eingeführt, was ankommt. 

In OFARINs Unterricht geht es um alle Schüler. Jeder wird als Mensch respektiert. Man fühlt sich wohl. Was hier geschieht, gehört zum Wesen einer Zivilgesellschaft. Die Menschen nehmen es an und wollen es behalten. Lehrer, die nicht mehr bezahlt werden können, sind bereit, Zeit zu opfern und sich einzusetzen, damit diese Art Unterricht für ihre Gesellschaft erhalten bleibt. Das ist Nachhaltigkeit. Die lebt in den Menschen, die bei uns mitgearbeitet, unterrichtet oder gelernt haben.Es stimmt, dass unsere Art zu unterrichten, schwer in die afghanischen Strukturen einzuordnen ist, einfach, weil es keine Strukturen gibt, in denen dieser Unterricht aufgehoben wäre. BMZ-Nachhaltigkeit, also das Überleben der Strukturen, die wir aufgebaut haben, können wir nicht versprechen. Aber solange OFARIN arbeitet, wird Nachhaltigkeit produziert, wie wir sie verstehen und die in den Menschen fortlebt.
weiterlesen

Kontakt

Friedenstr.7
97236
Randersacker
Deutschland

Kontaktiere uns über unsere Webseite