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Walking Home, Woche 2: Thüringer Wald

Carola B.
Carola B. schrieb am 04.05.2014

Aktuelle Nachrichten zum Walk findet ihr auch unter http://www.travel-b.de , auf Facebook unter https://www.facebook.com/cbsoundso sowie auf  https://giveit100.com/@cbsoundso/84wkez.


Tag 8, Halle (Saale)


Ich habe beschlossen, noch zwei weitere Nächte in Halle zu bleiben. Die Blasen an meinen Fersen sind geplatzt und ich möchte ihnen Gelegenheit geben, mit der Heilung zu beginnen. Nach einer weiteren kalten Nacht, wenn auch in einem recht bequemen Bett, im alternativen Projekt Reil78, entscheide ich mich leichten Herzens, das Angebot anzunehmen, welches zu meiner Überraschung über couchsurfing.org hereingekommen ist. Hicham ist Student und bietet mir in seinem kleinen Zimmer unweit der Innenstadt eine Matratze an.


Gegen Mittag komme ich dort an. Ich stürze mich gleich in die Arbeit, das Tagebuch der ersten Woche für den Blog zu verfassen. Am Nachmittag machen wir einen kleinen Ausflug in die Hallenser Altstadt. Ich gönne mir zur Feier des Tages eine Kugel Eis.


Tag 9, Halle (Saale)


Hicham muss zur Arbeit, lässt mich aber den Tag in seinem Zimmer verbringen. Da ist es wieder: Vertrauen. Ich lasse es also langsam angehen, schlafe bis 9, mache mir noch einmal Mac'n'Cheese, wasche meine Wäsche.


Gegen Mittag gehe ich mir die Altstadt ansehen. Aber eigentlich suche ich nach gutem WiFi. In der Information der Stadt schickt man mich bereitwillig zum Platz neben dem Kaufhof: Dort bietet das lokale Brocken Radio einen kostenfreien Hotspot an, über den man so lange wie man möchte surfen kann.


Am bezeichneten Ort stehen Bänke, auf denen ich mich zu ein paar Touristen und einer großen Gruppe Jugendlicher geselle, die alle auf ihre Smartphones schauen.


Ich lade Fotos der vergangenen Tage auf Flickr, veröffentliche Blogbeiträge und überlege, wie ich am besten auf dem Weg nach Mühlhausen und in der Stadt selbst übernachten kann. Ich schreibe ein paar Personen über couchsurfing.org an. Mal schauen.


Dann muss ich noch das Problem mit dem Arbeitsamt klären. Die Sachbearbeiterin in Berlin hatte sich nicht sehr begeistert über meinen Umzug nach Oranienburg geäußert. Ich finde einen Laden, der Briefmarken verkauft, erwerbe im Kaufhof die kleinstmögliche Menge an Briefumschlägen (ein Fünferpack) und begebe mich in ein Internetcafé, um die notwendigen Dokumente zum Anschreiben auszudrucken. Der Besitzer verwickelt mich in ein Gespräch über seine unwirtschaftlichen Preise (50 Cent pro Stunde) und scheint froh, dass ich meine Stunde nur zur Hälfte ausreize.


Zum Abendessen esse ich die verbleibenden Mac'n'Cheese. Erstaunlicherweise liegt die Schokolade noch immer unberührt in meinem Vorratsbeutel.


Tag 10, nach Obhausen


Es ist an der Zeit weiterzuziehen. Ich habe mir am letzten Abend bei Hicham auf dem Laptop zur Sicherheit ein paar Anlaufpunkte für die 124 km zwischen Halle und Mühlhausen herausgesucht. Die vergangene Woche war mir schmerzlich bewusst geworden, dass mich die Sorge um das Bett für die Nacht beim Laufen mehr beschwert als ich es wahr haben wollte.


Der Spaziergang aus der Stadt führt mich durch die Hallenser Neustadt. In einem Einkaufszentrum gehe ich aufs Klo. Eigentlich hatte ich Geld abheben wollen. Doch ich entscheide mich letztendlich dagegen: 50 Euro müssen für die geplant 5 Tage reichen.


Das Wetter ist am Nachmittag endgültig nicht mehr so sommerlich wie noch in der ersten Woche. Ich könnte alle zehn Minuten die Regenjacke entweder an- oder gleich wieder auszuziehen. Das macht das Vorankommen nicht gerade leichter. Wenigstens geht es meinen Füssen, die ich am Morgen großzügig mit Blasenpflastern versorgt habe, gut.


Gegen fünf komme ich in Obhausen an. Ich hatte beim hineinzoomen in Google Maps einen Marker für den ¨Hof Merlitz¨ gefunden. Den will ich ansteuern, um nach Obdach zu fragen.


Inzwischen habe ich mich überzeugen lassen, dass ich tatsächlich nicht auf der ¨Waltz¨ bin, sondern auf einer Pilgerwanderung. So stelle ich mich auch dem älteren Herrn auf dem Hof Merlitz vor. Ich schaffe es gerade, den ersten Satz hervorzubringen, da bin ich auch schon versorgt. Welch ein Geburtstagsgeschenk!


Es ist mein 35ster. Ich freue mich über die zahlreichen Glückwünsche, die den Tag über via Facebook, Telefon und E-Mail hereinkommen. Ein Teil von mir wäre jetzt gern in Berlin im Kreise von Freunden und Familie. Aber nur ein kleiner. Das freimütig zur Verfügung gestellte Gartenhaus, mein kleines Abendessen und die Stullen, die mir ein Nachbar noch vorbei bringt, geben mir das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein.


Auf dem Blog von GoEuro.de erscheint am Morgen ein Interview, das ich kurz vor meiner Abreise gegeben hatte.



2014-04-08 10:27 auf einer größeren Karte anzeigen


Tag 11, nach Esperstedt


Für meine Verhältnisse geht der Tag heute früh los: Um halb acht stehe ich auf und kleide mich in der wohlig warmen Waschküche an. Zurück im Gartenhaus erwarten mich, dank Herrn Merlitz, ein Brötchen und Kaffee.


Nach dem Frühstück helfe ich ihm, den Anhänger seines antiken Traktors zu entladen und er nimmt mich dafür 16 km lang Richtung Allstedt mit. Die Fahrt dauert zwar mehr als eine Stunde. Doch das ist allemal schneller als mein normales Tempo.


Wenige Meter nachdem ich mich von Herrn Merlitz verabschiedet habe, heißt mich Google Maps, von der Straße in den Wald hinein abzubiegen. Je weiter ich in den Wald vordringe, desto mehr sind die Wege zugewachsen. Google Maps, du verrücktes Ding! Kein Zeichen menschlichen Lebens.


Bis ich mich zu einer Pinkelpause entschließe.


Gerade als ich die Hose wieder zuknöpfe, taucht vor mir ein Mann in einer blauen Jacke, aber ohne Rucksack auf und ohne meinen Gruß zu erwidern Sekunden später wieder in den Bäumen unter. Wie unheimlich!


Ich schaffe es schließlich ohne weiteren Zwischenfall aus dem Wald und trete heraus auf einen Hügel, der die Gegend überblickt. Es ist Mittag und unter mir liegt die Ortschaft, in der ich mir eine fantastische Übernachtung auf einem Klostergut ausgemalt hatte. Ich lasse mich am Fuß eines Hochstandes nieder, breche die Schokolade vom Wochenende an und schreibe ein wenig in mein Tagebuch.


Eine Stunde später zieht sich der Himmel bedrohlich zu. Also packe ich meine Sachen und bereite mich darauf vor, im Klostergut Mönchspfiffel Arbeitskraft für den Nachmittag gegen ein Bett und Abendessen einzutauschen.


Welch eine Enttäuschung!


Das Gut gehört einem Agrarkozern. Dieser hat das Anwesen zwar aufwendig wieder hergerichtet. Nun allerdings stehen die Gebäude fast komplett verlassen da. Am Wochenende verirren sich vielleicht ein paar Ausflügler hierher. Doch es ist Mittwoch.


In einem Blumenladen finde ich Schutz vor dem Regenschauer, aber keine Übernachtungsmöglichkeit. Es ist schon eine merkwürdige Fügung, dass mich Herr Merlitz ein gutes Stück des für heute geplanten Weges mitgenommen hat. Damit gewinne ich einige Stunden, um im nächsten oder übernächsten Ort Obdach zu suchen.


Da tue ich dann auch.


Zwischendurch sprinte ich zu einer luxuriösen Bushaltestelle mit drei Wänden und einer Bank, um einem Hagelschauer zu entwischen.


In Artern stehen am Stadtrand zahlreiche leere Häuser offen. Ich sehe mich schon dort übernachten. Doch ich ziehe weiter. Zu kalt. Zu naß.


In Esperstedt habe ich einmal mehr Glück: Ein paar Minuten später hätte ich meinen Gastgeber im örtlichen Pfarrhaus, Michael, wohl nicht mehr angetroffen.


So habe ich nicht nur ein Bett, sondern lerne auch beim Abendessen ein wenig vom Leben dreier Jugendlicher kennen.



2014-04-09 09:09 auf einer größeren Karte anzeigen


Tag 12, nach Mühlhausen / Thüringen


Ein neuer Tag, eine neue Mitfahrgelegenheit. Auch Michael muss auf dem Weg zur Arbeit in meine Richtung. Nach zwanzig Kilometer in seinem VW-Bus setzt er mich in Hackelbich am Eingang zum Waldgebiet ¨Hainleite¨ ab. Es ist halb neun und vor mir liegen mehr als zehn Kilometer Weg durch besten thüringischen Wald.


Zweieinhalb Stunden ohne einer Menschenseele zu begegnen. Ich wanke zwischen ¨Beim Sterben ist jeder der erste¨-Grusel und innerem Frieden, zwischen dem Wunsch, plötzlich einem kapitalen Hirsch gegenüber zu stehen und der Panik, daß im Unterholz ein Wildschwein auftauchen könnte.


In Ebeleben geht es wieder einmal auf die fußweglose Bundesstraße. Als mich der Regen einholt, nutze ich den Moment, um mir in einem Café heißen Kakao und Stachelbeerkuchen zu genehmigen.


Vor Rockensußtra ermutigt mich ein selbst gefundener Feldweg, der mich von der Bundesstraße weg, aber ohne zusätzliche Strecke voranbringt, der von Google Maps vorgeschlagenen Strecke auch weiter zu misstrauen.


Fehler!


Zunächst läuft es super. Ich entdecke DAS Metal, den Friedhof der Bundeswehrpanzer (oder die Brutstätte für eine Revolution).


Kurze Zeit später ist der Triumph vorüber. Ich stapfe durch ein lehmiges Weizenfeld, weil mir erst der Weg ausgegangen ist und ich dann auch noch die falsche Richtung entlang der Traktorspuren eingeschlagen habe. Nach zwanzig Minuten denke ich, einen befestigten Pfad erreicht zu haben. Der stellt sich aber als zukünftige Bahntrasse heraus. Die Walkingstöcke nützen mir auch die nächste halbe Stunden nichts, als ich über faustgroße Steine balanciere.


In Schlotheim, zurück auf der Bundestraße habe ich eigentlich genug für den Tag. Doch es ist erst früher Nachmittag.


Also weiter. Hier ist der Platz neben der Fahrbahn noch enger. Manchmal ist mir das Glück hold und minutenlang kommt kein Fahrzeug. Dann jedoch rauscht LKW nach LKW vorbei und ich drücke mich an die Begrenzungsplanken.


In Österkörner möchte ich den Bus nach Mühlhausen besteigen. Doch ich habe ihn um zehn Minuten verpasst. Der nächste folgt erst in anderthalb Stunden. Da kann ich genausogut noch eine Haltestelle weiterr nach Körner laufen. Ich versuche mich mit einem Olli Kahn-Klassiker zu motivieren: Aus ¨Wir brauchen Eier.¨ wird bei mir ¨Wie brauchen Körner. Körner brauchen wir.¨


In Körner trotte ich in die Apotheke, um mich nach der Bushaltestelle zu erkundigen.


Der Apotheker ist bester Laune: ¨Die Stöcke, der Rucksack. Sie sind auf einer Pilgerreise, oder?¨


Ich bejahe die Frage.


Er beschreibt mir den Weg zur Bushaltestelle und hernach detailliert die Lage der Pilgerherberge AntoniQ in Mühlhausen. Sollte sich mein couchsurfing.org-Kontakt nicht melden, werde ich wohl darauf ausweichen müssen.


Zum Abschied zieht der Apotheker eine Kette unter seinem Kittel hervor: Die Muschel der Jakobspilger. ¨Das war eine wunderbare Zeit. Sehr, sehr schön.¨


Auch der Busfahrer zeigt sich auskunftsfreudig und erklärt mir die Sehenswürdigkeiten der Stadt.


Glücklicherweise meldet sich auch Stephan. Er holt mich mit Hund Struppi an der Marienkirche - mit 84 Metern die höchste in Thüringen - ab.


Die Bilanz ist bislang dank solcher Angebote gut: In den ersten beinahe zwei Wochen der Reise musste ich gerade einmal 75 Euro ausgeben.



2014-04-10 07:50 auf einer größeren Karte anzeigen


Tag 13, Mühlhausen


Ruhetag. Ich vertrödele den Vormittag. Nachmittags zeigt mir Stephan die Altstadt. In der wunderbaren Stadtbibliothek, die vor wenigen Jahren in die Jabobi-Kirche eingezogen ist, entdecken wir ein Poster mit der Ankündigung der ¨Langen Nacht der Hausmusik¨ und beschließen, am Abend wiederzukommen.


Zum Abendessen schlägt Stephan Flammkuchen vor. Ich überrede ihn, diesen mit Möhren und Tomaten anzureichern.


Zu 22 Uhr finden wir uns zusammen mit etwa fünfzig weiteren Personen - allesamt deutlich älter als wir - in der Stadtbibliothek ein. Die Sopranistin Marie Friederieke Schoeder gönnt sich einen traumhaften Auftritt: Sie schreitet das Ave Maria singend die Treppen der Bibliothek im Kirchenschiff herab. Danach führen sie und der Pianist Danny Wilks kurzweilig durch ein einstündges Programm mit Bachstücken und Bachreferenzen.


Was für ein Gegenprogramm zu den Stunden, die ich in den vergangenen Tagen auf Straßen und in Wäldern verbracht habe!


Tag 14, Mühlhausen


Ich genehmige mir einen weiteren Ruhetag, den ich vorrangig darauf verwende, meine digitale Welt auf den aktuellen Stand zu bringen: Ich lade Fotos auf Flickr hoch und schreibe die Erlebnisse der letzten Woche nieder. Morgen geht es Richtung Hessen.