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'Fluss meines Lebens'

G. Müller
G. Müller wrote on 06-01-2009

Liebe Freundinnen und Freunde,

hier kommt nun die Fortsetzung von Aminas Bericht ueber die therapeutische Gruppenarbeit mit den Kindern im SEKA-Haus:

Die nächste Übung, die ich den Kindern vorschlug, heißt „Fluss meines Lebens“. Da wir in den letzten Stunden über verschiedene schwierige Erlebnisse der Kinder gesprochen hatten, wollte ich Kindern mit dieser Übung helfen, diese Erfahrungen wie auch die angenehmen Erlebnisse als Teil ihres Lebens zu sehen und anzunehmen.

Ich lud die Kinder ein, sich ihr Leben als einen Fluss vorzustellen, der durch eine Landschaft fließt; er entspringe zum Zeitpunkt ihrer Geburt und fließe dann durch die Landschaft mit den vielen Begebenheiten ihres Lebens: angenehme oder vielleicht sogar wundervolle Erlebnisse, aber auch unangenehme, schmerzliche oder ‚nervige’ Begebenheiten. Sie hätten nun Gelegenheit, diesen ihren Fluss mit den Erlebnissen, die ihnen wichtig sind, auf ein Blatt Papier zu malen.

Die Kinder zeichneten und malten konzentriert „ihre Flüsse des Lebens“. Dabei waren sie sehr kreativ, nutzten Stifte und Farben und schrieben teilweise auch Kommentare…

Während die anderen malten, half ich der leicht geistig behinderten Dina mit „ihrem Fluss“, den sie mit vielen Blumen schmückte und außerdem noch ihre farbigen Handabdrücke hinzufügte (dies hatte sie sich von einer anderen Gruppenstunde gemerkt.). Dina liebt es sehr, zu malen und mit Farben zu spielen. In ihren Zeichnungen und Gemälden ist dabei eine große Veränderung zu sehen: Die Zeichnungen sind in den vergangenen Wochen bunter, fröhlicher, reicher geworden. Dina malt selbstbewusster und kräftiger. In ihren Zeichnungen spiegelt sich ihre Entwicklung in der Gruppe: aus einem Kind, das sich vor anderen Kindern eher fürchtete weil es zu oft ausgelacht oder als „doof“ bezeichnet worden war, und das manchmal dann auch sehr grob auf andere reagierte, ist ein selbstbewusstes, fröhliches Mädchen geworden, die von der Gruppe akzeptiert und gemocht wird, wie sie ist. Sie hat ganz eindeutig ihren Platz. Sie geht inzwischen auf die anderen zu, fragt sie auch um Hilfe, sagt ihre Meinung und genießt es offensichtlich, Teil der Gruppe zu sein. Gleichzeitig hat sie sich von ihrer Mutter, die sehr überfürsorglich war „emanzipiert“ – und die Mutter (die parallel an der Frauengruppe im SEKA-Haus teilnimmt) konnte ihre Tochter mehr loslassen, sie hat nicht mehr so viel Angst um sie, traut ihr mehr zu.

Als alle Kinder mit ihren Zeichnungen und Gemälden fertig waren, kamen wir wieder im Kreis zusammen. Jedes Kind konnte nun sein Bild – seinen Fluss des Lebens – den anderen zeigen und soviel es mochte darüber sagen. Allerdings wird niemand dazu gedrängt. Das Wichtigste ist für mich, dass die Kinder Gelegenheit haben, sich selbst über ihre Erlebnisse bewusst zu werden und ihr Leben in einem Zusammenhang zu sehen.

Der 10jährige Emir begann und erzählte, dass sich seine Mutter manchmal wundert, an welche Einzelheiten er sich noch erinnern kann – z. B. Begebenheiten als er noch sehr klein war. Auch an seinem „Fluss“ gab es allerhand zu sehen – Zeichnungen in fröhlichen Farben und Symbole, die an traurige oder unangenehme Erlebnisse erinnerten, z.B. der Umzug aus dem Haus, in dem er gerne gewohnt hatte und viele Freunde hatte. Damals war er traurig, dass er sie nun nicht mehr sieht. Allerdings konnte er nun diese Veränderung auch positiv sehen: „Wir haben jetzt eine schönere Wohnung und ich habe wieder neue Freunde gefunden.“

Das griff ich auf und erzählte, dass ich das auch kenne, dass mir manche Veränderungen erst schwer fallen, aber dass ich später im Rückblick dann die guten Seiten der Veränderung sehen kann…

Der siebenjährige Edin erzählte vom Tod seines Opas im vergangenen Jahr, der sehr schmerzhaft für ihn gewesen war, da er mit ihm sehr verbunden war und sie viel gemeinsam unternommen hatten. Als Symbol für dieses traurige Ereignis hatte er an seinem Fluss ein trauriges Gesicht mit blauer Farbe gemalt…

Die 9jährige Zafira sprach über den Verlust ihres geliebten Hundes, den sie noch immer sehr vermisst. Er sei einfach eines Tages tot im Hof gelegen. Vermutlich hatte ihn jemand vergiftet. Das war für sie ein großer Schock. Sie trauerte noch immer um ihn, aber sie hatte neben diesem und anderen traurigen Erlebnissen auch viele Symbole für schöne Begebenheiten gezeichnet. „Ich freue mich über die schönen Dinge“, erklärte sie. „Wenn ich traurig bin, dann denke ich wieder an etwas Schönes und das hilft mir…“ Als besonders schöne Erinnerung empfand sie ihren ersten Schultag, als ihre Mutter sie zur Schule begleitet hatte….

Die 10jährige Mirsada erklärte einige der dunklen Symbole an ihrem Fluss: „Das war, als mein Papa so krank war. Da war er oft ganz schrecklich wütend und Mama und wir konnten ihm nichts recht machen. Manchmal ist er auch einfach weggegangen und hat gar nichts gesagt. Mama machte sich schreckliche Sorgen. Manchmal hatte ich auch richtig Angst vor ihm, weil er so komisch war. Aber jetzt, seit er in den Klub (Veteranenklub, Anm. der Übersetzerin) geht, ist es viel besser...“ Mirsada erzählte dann noch von den Dingen, die ihr Freude machen: mit ihren Freundinnen zu spielen, oder das kleine Kätzchen, das sie vor kurzem gefunden hatte und das sie behalten durfte…

Wir sprachen dann über die Schwierigkeiten, die auch Eltern und andere Erwachsene haben und dass sie dann manchmal ihre eigenen Gefühle an denen auslassen, die ihnen am liebsten sind. Auf einfache Art erklärte ich den Kindern, was ein Trauma ist, wie es wirkt und was man da tun kann. Ich ermutigte sie wie schon oft, dass sie mit mir immer über ihre Probleme reden können und dass es schon leichter wird, wenn wir unsere Sorgen teilen.

Als alle Kinder ihren „Fluss des Lebens“ vorgestellt hatten, erklärte ich ihnen noch, dass sie diesen Fluss auch in der Zukunft weiterzeichnen können und die zukünftigen wichtigen Ereignisse hinzufügen können. Auf diese Art könnte jedes Kind im „Fluss seines Lebens“ so etwas wie einen „Lebenskalender“ besitzen. Wenn wir den dann anschauten, würden wir uns auch unserer Stärken bewusst, wenn wir sehen, wie viele Situationen wir schon bewältigt haben.

Soviel für heute. Über den weiteren Verlauf der Gruppenstunde berichte ich ihnen im nächsten Blog weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Amina Vrana