Rückblick auf die SEKA-Aktivitäten im Jahr 2014
Goražde, 09.01.2015
Liebe Freundinnen und Freunde, liebe LeserInnen
dieses Jahr ist für uns im SEKA-Projekt in Goražde wie ‚im Galopp‘ vergangen – so vieles ist geschehen: die Proteste im Frühjahr, die einen Aufschrei der Bevölkerung in Bosnien-Herzegowina darstellten gegen die jahrzehntelange Korruptheit, Unfähigkeit und Unverschämtheit der herrschenden politischen Elite, die das Land bis auf die Knochen ausgeplündert hat. Auch in Goražde gab es Proteste und SEKA-Koordinatorin Esma Drkenda engagierte sich mit vielen anderen Bürgerinnen und Bürgern im „Plenum der Bürgerinnen und Bürger Goraždes‘.

Doch noch bevor die Protestbewegung wirkliche Resultate erreichen konnte ereignete sich die furchtbare Hochwasserkatastrophe, die ein Drittel des Landes Bosnien-Herzegowina (wie auch weite Teile Serbiens und Gebiete im kroatischen Slawonien) verwüstete und deren Schäden noch lange nicht behoben sind!

Viele Menschen richteten ihre Hoffnungen dann auf die
landesweiten, die entitätsbezogenen und die kantonalen Wahlen am 12.10.2014. Auch
wir im SEKA-Projekt ersehnten uns grundlegende Veränderungen, waren aber auch
skeptisch...
Aber leider war die Zeit viel zu kurz und es konnte nicht gelingen, aus der Protestbewegung des Frühjahrs eine politische Kraft zu formen, die bereits zu den Wahlen hätte antreten können. Und so haben auch diese Wahlen nichts wirklich Neues gebracht, sondern nur kleinere Verschiebungen im alten Machtgefüge. Das einzig Positive in unserem Kanton ist, dass die bisher regierende SDP eine vernichtende Niederlage erlitten hat. Sie wurde von den WählerInnen abgestraft für vier Jahre Nichtstun, Korruption und Manipulation. Wie auch in anderen Kantonen und in der Föderation ist die SDA (Partei der sozialdemokratischen Aktion) stärkste Kraft geworden, aber sie muss koalieren – mit einer Ansammlung von fünf winzigen Parteien. Schon in der Vergangenheit war es schwierig, dass sich die Koalitionspartner auf eine gemeinsame Politik einigten. Jede Partei versucht nur, ihre Klientel zu bedienen. Jetzt ist zu befürchten, dass es noch schwieriger wird. Wir sind skeptisch, werden aber mit der neuen Regierung so bald wie möglich Gespräche über die für unsere Arbeit und unsere KlientInnen wichtigen Themen führen.
Doch nun zur Arbeit des SEKA-Projekts:
Rückblick auf die SEKA-Aktivitäten im Jahr 2014:Regelmäßige (trauma)-therapeutische, psycho-edukative und supervisorische Angebote
Im Jahr 2014 fanden wie stets die regelmäßigen therapeutischen
Angebote für KlientInnen der lokalen Bevölkerung im SEKA-Haus statt: Einzel-
und Gruppentherapien mit Frauen, mit Kindern und mit Jugendlichen, mit Männern, Familienberatung;
therapeutische Gruppenarbeit mit Mädchen; Projektarbeit mit Kindern; offene Termine
mit Frauen / mit Kindern; Supervisionen und interne Fortbildungen mit dem SEKA-Team
sowie mit KollegInnen anderer Einrichtungen.

Insgesamt nahmen 366 KlientInnen für durchschnittlich 12 Stunden an den unterschiedlichen therapeutischen, psycho-edukativen und Fortbildungs-Angeboten im SEKA-Haus teil; davon 79 Frauen, 23 Männer und 264 Kinder und Jugendliche (157 Mädchen und 107 Jungen).

Themenzentrierte Workshops und Konferenzen mit Kindern und Jugendlichen
Neben den regelmäßigen therapeutischen Angeboten führte Kollegin Amina Sarajlić themenzentrierte Workshops und Konferenzen für Kinder bzw. Jugendliche in Schulen durch – zum Beispiel zu den Themen ‚Gewalt / Hilfe für Gewaltopfer / Gewaltprävention‘, ‚Kinderrechte‘, ‚Geschlechterdemokratie‘.


Öffentlichkeitswirksame Aktionen zur Bewusstseinsbildung
SEKA organisierte – gemeinsam mit dem Verband der MittelschülerInnen eine kreative Aktion gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen – im Rahmen des weltweiten Aktionstages ‚One Billion Rising‘. Mit der Ökologischen Sektion einer Grundschule organisierten wir eine Aktion zum Thema ‚Müll und Müllvermeidung / aktiver Umweltschutz‘.


Gesellschafts- und friedenspolitisches Engagement
Neben der therapeutischen Arbeit engagiert sich SEKA gesellschafts- und friedenspolitisch. In diesem Zusammenhang nahm Koordinatorin Esma Drkenda als SEKA-Vertreterin an verschiedenen Konferenzen und Tagungen teil, so z.B.
o an insgesamt fünf Konferenzen in Sarajevo zur Sensibilisierung und Lobbyarbeit bzgl. der Probleme und Bedürfnisse der Überlebenden von Kriegsvergewaltigungen und Folter.
o in Goražde am Runden Tisch zur Sensibilisierung für die Probleme bzw. die Bedürfnisse behinderter Menschen und deren Familien, sowie an einer Tagung zum Thema ‚Mängel im Gesundheitswesen‘.
o in Omiš / Kroatien an einer mehrtägigen grenzüberschreitenden friedenspolitischen Konferenz zum Thema „Unterschiedlichkeiten überbrücken“
o in Sarajevo an der Konferenz des Frauennetzwerks BiH zum Thema ‚Verbesserung der Zusammenarbeit und Vernetzung‘
o sowie an mehreren Tagungen zum Thema ‚Vernetzung und Zusammenarbeit über Entitätsgrenzen hinweg‘ und ‚Frauen-Friedensaktivismus’

Aktuelle Schwerpunkte der SEKA-Arbeit
Im Folgenden möchten wir einige der aktuellen Schwerpunkte vorstellen, die SEKA Goražde im Laufe der letzten Jahre neben der laufenden therapeutischen Einzel- und Gruppenarbeit entwickelt hat – als Antwort auf die spezifischen Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung:
Umfassende Unterstützung für Frauen, die Überlebende von Kriegsvergewaltigungen und Lagerhaft sind:
Seit Jahren arbeiten wir trauma-therapeutisch mit Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen im Krieg wurden, zunächst in Einzeltherapie, dann – seit Anfang 2013 – auch in der Gruppe. Darüber haben wir auch in unseren Blogs hier auf betterplace immer wieder ausführlich berichtet.
Im vergangenen Jahr haben die Staatsanwaltschaften in Bosnien-Herzegowina neue Verfahren zur Verfolgung von Kriegsverbrechen eingeleitet (eine große Anzahl Kriegsverbrechen wurden bisher nicht verfolgt. Die Täter leben oft seit über 20 Jahren völlig unbehelligt!) Durch die Aufnahme der Verfahren werden auch die Überlebenden erneut befragt und müssen in vielen Fällen vor Gericht aussagen.
Dies ist für die Frauen eine große Belastung und führt häufig zu einer Retraumatisierung – vor allem, da es in Bosnien-Herzegowina bisher keine angemessenen Standards für den Opferschutz gibt oder auch bestehende Regeln oft nicht angewandt werden.
SEKA leistet hier – in enger Absprache mit den Betroffenen und in Zusammenarbeit mit anderen in diesem Bereich engagierten Organisationen – Lobbyarbeit zur Durchsetzung von entsprechenden Verfahrensregeln, die den Bedürfnissen der betroffenen Frauen so weit wie möglich gerecht werden.
SEKA-Therapeutin Gabriele Müller bietet den betroffenen Frauen aus dem Kanton Goražde und umliegenden Orten therapeutische Begleitung, psychologische Unterstützung bei Befragungen, Begleitung bei Zeugenaussagen vor Gericht sowie psychologische Nachbetreuung an.
Zusätzlich leistet SEKA – insbesondere Koordinatorin Esma Drkenda – Lobbyarbeit, um die aktuellen Lebensbedingungen für die Überlebenden und deren Familien zu verbessern. (siehe oben unter gesellschafts- und friedenspolitisches Engagement). Auch 19 Jahre nach dem Krieg leben einige der betroffenen Frauen noch immer unter menschenunwürdigen Bedingungen in Sammelunterkünften und konnten die Rechte, die anderen zivilen Opfern zuerkannt wurden, bisher nicht realisieren (z.B. Stipendien für Kinder, Beschäftigungshilfen, Kuren u.ä.)

(Dieses Foto stellt aus Schutzgründen keine Betroffenen dar - es stammt vom Fortbildungsseminar Traumatherapie)
Beratung und Therapie mit Frauen und Kindern – als Betroffene familiärer Gewalt
In Laufe der Jahre suchen auch zunehmend mehr von familiärer Gewalt Betroffene Hilfe im SEKA-Haus. Leider haben bisher sowohl die Politik als auch die lokalen Institutionen – trotz der gesetzlichen Verpflichtung – versagt, angemessene Hilfen für die Opfer familiärer Gewalt zu garantieren – insbesondere was eine sichere Unterbringung und Sozialhilfeleistungen anbelangt. Betroffene Frauen, die nicht bei den Eltern oder anderen Verwandten Zuflucht finden können, sind häufig gezwungen, in der Misshandlungssituation auszuhalten. Zwar gibt es einige Frauenhäuser in anderen Städten Bosnien-Herzegowinas. Frauen aus Goražde müssen jedoch sowohl für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Kinder selbst aufkommen als auch noch einen Tagessatz von mindestens 20 KM für die Unterbringung in einem dieser Frauenhäuser bezahlen. SEKA bemüht sich gemeinsam mit anderen Organisationen darum, dass diese Frage der Kostenübernahme verpflichtend auf gesamtstaatlicher Ebene geregelt wird.
SEKA bietet den Opfern familiärer Gewalt Beratung und therapeutische Hilfe. Seit einiger Zeit arbeiten wir auch mit Tätern (und Täterinnen z.B. bei Kindesmisshandlung), wenn diese dazu bereit sind.
Die TäterInnen werden in der Regel von den Sozialen Diensten oder dem Gericht an uns verwiesen.

(Auch dieses Foto stellt aus Schutzgründen keine Betroffenen dar - es stammt vom Fortbildungsseminar Traumatherapie)
Projekt Mädchenarbeit
Immer mehr Mädchen (zwischen 10 und 16 Jahren) interessieren sich für die Mädchengruppen im SEKA-Haus. Neben zwei Gruppen im SEKA-Haus bietet Amina Sarajlić seit dem Frühjahr 2014 eine dritte Mädchengruppe in einer Vorstadtschule an.

Zunehmend mehr Mädchen nehmen auch Einzeltherapie in Anspruch.
Hier geht es um alltägliche Probleme der Mädchen, aber auch um
Gewalterfahrungen und transgenerationelle Traumatisierung der Mädchen, um
aktuelle Krisen, selbstverletzende Verhaltensweisen, Ängste, Depressionen,
Essstörungen und Ähnliches mehr.
Wir haben außerdem mit einer Projektgruppe für Mädchen
begonnen, um die Mädchen zu ermutigen, sich für ihnen wichtige
gesellschaftliche Themen zu engagieren. Wir freuen uns, dass die finanzielle
Förderung des Projekts Mädchenarbeit der Verein Sternstunden e.V. des
Bayerischen Fernsehens übernommen hat. Wir danken dem Verein dafür sehr herzlich!

Psychodramaszene
Neue
Fortbildungsreihe ‚Traumatherapie’
Durch die erneute Förderung des Weltfrauengebetstags, Deutsches Komitee, war es uns möglich, im September 2014 mit einer neuen Fortbildungsreihe für Fachkolleginnen „Traumatherapie mit der Methode Psychodrama“ zu beginnen. Darüber freuen wir uns sehr. Nach dem Entscheidungsseminar im September, in dem die Teilnehmerinnen die Gelegenheit hatten, sich untereinander kennenzulernen und einen Eindruck von der traumatherapeutisch-psychodramatischen Methode zu bekommen, entschieden sich alle 13 Kolleginnen an der dreijährigen Fortbildungsreihe teilzunehmen. Das erste fünf-tägige Seminar (von insgesamt neun Seminaren) fand Anfang Dezember 2014 statt. Darüber werden wir in einem der nächsten Blogs näher berichten.

Personelle
Veränderungen in SEKA
Nachdem sich unsere Kollegin Amela Drinčić im Oktober 2013 aus persönlichen Gründen entschieden hatte, ihre Arbeit in SEKA zu beenden, entschieden wir uns Anfang 2014 für die Psychologin-Pädagogin Mevlida Rovčanin als neue Kollegin. Sie hat eine vierjährige Zusatzausbildung in Gestalttherapie absolviert und arbeitet seit Februar therapeutisch mit Frauen. Für die Arbeit in SEKA war sie sogar bereit, von Tuzla nach Goražde umzuziehen!
Eine Thermofassade für das SEKA-Haus
Seit Jahren schon bemühten wir uns, einen Zuschuss zur Finanzierung einer isolierten Fassade für das SEKA-Haus zu bekommen. 2014 hat es nun geklappt: Der Hamburger Verein Bild hilft e.V. – ‚Ein Herz für Kinder‘, bewilligte uns die Mittel für eine Thermofassade und eine einbruchsichere Haustür. Die Haustür wurde bereits im September eingebaut; die Fassade Anfang Oktober.
Die isolierte Fassade bedeutet für uns eine große Erleichterung – dies konnten wir bereits in den vergangenen Wochen mit teils zweistelligen Minustemperaturen feststellen; denn trotz der vor einigen Jahren eingebauten modernen Fenster und Balkontüren, waren die Räume – vor allem im Erdgeschoss und im zweiten Stock - früher kaum warm zu bekommen. Nun ist das ganze Haus kuschelig warm! Zusätzlich werden wir in Zukunft sicherlich auch einiges an Heizkosten einsparen können.
Daher ein großes Dankeschön an den Verein ‚Bild hilft e.V. – Ein Herz für Kinder‘!



Besuche im SEKA-Haus
In diesem Jahr konnten wir uns außerdem über viele BesucherInnen freuen:
Anfang Juni klappte es endlich mit dem Besuch von Christa Paul, Vorstandsfrau von SEKA Hamburg e.V. und Mitarbeiterin der ersten Stunde im Hamburger Büro. Anfang September besuchte uns die Hamburger SEKA-Vereinsfrau Bergit Falter.
Mitte September kam – bereits zum vierten Mal – eine Gruppe StudentInnen der Züricher Pädagogischen Hochschule im Rahmen ihrer Studienreise ins SEKA-Haus. Auch dieses Mal hatten wir eine intensive und anregende Diskussion mit den sehr gut vorbereiteten StudentInnen.
Anfang Oktober schließlich besuchten uns Anne und Hanna Kolkmann, die seit vielen Jahren SEKA auf ganz vielfältige Art und Weise begleiten und unterstützen, insbesondere durch die Organisation von Benefizkonzerten ihres Chors ‚Gospel People‘, bei denen immer die ganze Familie beteiligt ist.
Es war schön, Euch alle hier zu haben! Danke, dass ihr den langen und beschwerlichen Weg nach Goražde auf euch genommen habt!

Anne und Hanna Kolkmann mit SEKA-Teamfrauen
Finanzen
Für die therapeutische Arbeit mit Frauen, Kindern und Jugendlichen, Männern und Familien bekommen wir leider schon seit längerem keine Zuschüsse; wir müssen sie ausschließlich durch Förderbeiträge und Spenden – z. B. über betterplace – finanzieren. Wir danken allen Spenderinnen und Spendern des vergangenen Jahres von Herzen und hoffen, dass Sie SEKA auch 2015 treu bleiben.
Den
Finanzbericht für das Jahr 2014 finden Sie – sobald er von unserem
Steuerberatungsbüro fertig gestellt ist – wie üblich auf der SEKA-Homepage
unter http://www.seka-hh.de/finanzen.htm .
Mit herzlichen Grüßen
Ihr SEKA-Team Goražde
Gabriele Müller, Esma Drkenda, Vera Dacić, Amina Sarajlić und Mevlida Rovčanin
