Bericht vom Projektbesuch in Timau/Kongoni
Liebe betterplacianer,
hier ist der ausführliche Bericht unserer unermüdlichen Afrika-Reisenden, Schatzmeisterin und Praktikumsleiterin Elke zu ihrem letzten Projektbesuch in Timau/Kongoni mit den allerneuesten Entwicklungsschritten und vielen sinnigen und interessanten (Hinter-)Gedanken:
"Recht kurzfristig vor Abfahrt hatten wir uns – in Absprache mit unserem Projektmanager Francis
Wambugu – entschlossen, anstatt des geplanten Kletterturmes im Kindergarten Kongoni nun doch
die schon länger geplante „Lernhütte“ an der Primary School in Timau als Bauprojekt vorzuziehen.
Die Vorplanungen lagen bereits seit längerem „in der Schublade“ und während unseres letzten
Aufenthaltes im März wurde einmal mehr deutlich, wie wichtig eigene Räumlichkeiten sind. Wir
möchten unseren jungen und hochmotivierten Lehramts-Praktikanten gerne einen Ihrer Ausbildung
entsprechenden Einsatzplatz zur Verfügung stellen, ohne sofort mit dem offiziellen kenianischen
Schulsystem in Konflikt zu geraten. Ein wesentliches Unterrichtsmittel ist nach unserer Beobachtung
immer noch die Angst vor Bestrafung, zunehmend aber auch ein vom kenianischen Unterrichtsministerium sehr stark geförderter
enormer Leistungsdruck. Bereits im
Kindergarten gibt es zum Ende jedes
Schuljahresdrittels umfangreiche
Prüfungen, die zentral ausgearbeitet
und von schulfremden Lehrern
überwacht werden. Für jedes
erreichte „A“ (entspricht einer 1 bei
uns) erhält der Schüler eine Prämie
von 100 KSH (knapp 1 EUR), der
entsprechende Lehrer ebenfalls. Die
Ergebnisse aller Schulen im
Bezirksdistrikt werden sofort
veröffentlicht und bei einer Preisverleihung entsprechend
bewertet, der öffentliche Druck auf die jeweiligen Schulleiter ist enorm. Einerseits ist ein gewisses
„Leistungsdenken“ nicht immer von Nachteil, aufgrund sehr schlechter wirtschaftlicher Bedingungen
bessern die meisten Lehrer ihr spärliches Gehalt mit diversen Nebenbeschäftigungen auf, meist zu
Lasten des „Hauptberufes“, was auch die häufigen Ausfälle und die schlechte Unterrichtsvorbereitung
erklärt – oft wird man dabei an unser „armes Dorfschulmeisterlein“ erinnert. Andererseits stimmt
dieser einseitig auf abfragbares Schulbuchwissen und selbst für unsere Wahrnehmung zunehmende
Kommerzialisierungsdruck doch auch recht nachdenklich. Arbeitet man dann mit Schulabgängern der
Oberstufe fragt man sich oft schockiert, warum das Gelernte eigentlich kaum umgesetzt werden
kann. Gerade im direkten Vergleich mit unseren gleichaltrigen Praktikanten fällt auf, dass kenianische
Schüler teilweise sogar mehr wissen, aber so gut wie keine eigenen Ideen oder Eigeninitiative
einbringen und sich gegenüber Lehrern oder anderen Autoritätspersonen kaum ihre Meinung zu
äußern trauen.
Das geplante Bauprojekt soll also in erster Linie für Nachhilfe und unterstützenden Unterricht genutzt
werden, aber eben auch, um mit den Lehrkräften über Sinn oder Nicht-Sinn der angewandten
Methoden ins Gespräch zu kommen. Nach nunmehr vierjähriger Tätigkeit vor Ort haben wir gelernt,
dass es am effektivsten ist, Dinge nicht zu LEHREN oder VORZUSCHREIBEN, sondern einfach anders zu
machen und sich über die selten ausbleibende Reaktion zu freuen.
Schon seit einigen Besuchen hatten Francis und ich immer wieder verschiedene Gebäude besichtigt
und das geplante Bauvorhaben vorbesprochen. Nach Freigabe der finanziellen Mittel durch den
Vereinsvorstand konnte so umgehend ein Bauleiter bestimmt und mit dem Erdaushub begonnen
werden, sodass bei unserer Ankunft bereits die ersten Vorarbeiten geleistet waren. So konnte Schülerpraktikant Adrian
bereits am Tag nach seiner Ankunft mit der Schaufel in der Hand die ersten praktischen Erfahrungen
auf einer afrikanischen Baustelle machen. Mit unserem Vorarbeiter Robert hatten wir dieses Mal
wirklich großes Glück: Fachlich kompetent und pädagogisch äußerst geschickt lenkte er den
Praktikanteneinsatz während des ganzen dreiwöchigen Arbeitsprojektes. Für mich als
Praktikumsleiterin sowohl eine große Arbeitserleichterung als auch ein gewisses Erfolgserlebnis: Nach
doch mehrjährigem „Herumprobieren“ und nicht unerheblichen Frustrationserlebnissen endlich das
Gefühl, am Ziel angelangt zu sein. So machen Praktikumseinsätze wirklich Freude: Es gibt SINN-volle
Arbeit zu tun und Fachleute vor Ort,
die sowohl ihr Fach beherrschen, als
auch anleiten können. Nicht
übersehen werden darf dabei
allerdings die Tatsache, dass dies nur
durch den Einsatz entsprechender
Mittel des Vereins möglich ist, der ja
das Bauvorhaben einschließlich der
Bauarbeiter - täglich waren ca. 2 oder
3 Fachleute vor Ort - finanziert.
Bei dem Bau handelt es sich um einen modernisierten Rundbau im afrikanischen Stil, das Grasdach
wird von sechs unbehandelten Holzpfosten und einem höheren Mittelpfosten getragen. Die Wände
werden aus Gründen der Haltbarkeit nicht in Lehmbauweise erstellt, sondern mit lokalen Sichtsteinen
gemauert und im Gegensatz zu traditionellen Hütten auch mit Glasfenstern versehen. Schon während
der Bauphase zog dieses ungewöhnliche Gebäude eine Menge Aufmerksamkeit auf sich, da es
deutlich von den immer noch im üblichen britischen Stil errichteten Schulbauten abweicht. Dies ist
auch Teil des Konzeptes, bei dem bereits durch Schaffung einer an die Lebenswirklichkeit der Kinder
angepassten Lernumgebung entsprechende Impulse vermittelt werden sollen. Das Grasdach musste
bisher leider noch auf die Fertigstellung warten, langanhaltende Regenfälle haben das Elefantengras
aufgeweicht und eine Verarbeitung in diesem Zustand würde unweigerlich zu Schimmelbildung
führen. Ein weiterer interessanter Gesichtspunkt wird wohl auch die Inneneinrichtung werden. Als
gelernte Hauswirtschaftsmeisterin freue ich mich besonders auf eine Gelegenheit, mit Schränken,
Regalen und sonstiger Ausstattung einen „Ordnungsimpuls“ zu setzen und dem oft beobachteten
„Gekrusche“ eine Alternative anzubieten. In meinem Büro funktioniert das sehr gut, mal sehen, ob es
auch auf die Schule übertragbar ist!
Als nächster Schritt sollte nun natürlich die Erarbeitung eines entsprechenden pädagogischen
Nutzungskonzeptes erfolgen: Was genau soll unterrichtet werden? Wie kann eine gute
Zusammenarbeit mit den Lehrern erfolgen? Wie viel „System“ muss von Seiten des Vereins
vorgegeben werden, um die nötige Kontinuität zu wahren, wie viele „Experimente“ kann jede neue
Praktikantengruppe einbringen? Ist es möglich, eine ständige Zusatzlehrkraft vor Ort zu finanzieren?
Als Ergänzung zum Bauprojekt – bei
dem es für die Praktikanten schwerpunktmäßig
ums „erlebende
Mitarbeiten“ geht – war außerdem
noch die Vertiefung unserer Kontakte
zur Secondary School in Angaine, ca.
10 km südlich von Timau geplant.
Immer wieder werden wir von den
unterschiedlichsten Menschen auf
Hitler und die Nazizeit angesprochen,
sodass der Wunsch entstand, unsere
„besondere deutsche Vergangenheit“
einmal offen zu thematisieren, auch
und gerade weil sich immer wieder
der Eindruck aufdrängt, die
„Führergestalt“ genieße in Afrika nicht nur Ablehnung. Ich hatte also im Vorfeld den US-amerikanischen
Dokufilm „Third Reich: Rise & Fall“ besorgt, den wir gemeinsam mit der 3. u. 4. Klasse
(entspricht ungefähr Kl. 11 u. 12 unseres Gymnasiums) ansehen und diskutieren wollten. Leider
waren wir aufgrund der Infrastruktur – die Secondary School verfügt über keinen Stromanschluss –
gezwungen, die dreistündige Dokumentation an einem Samstag durchzuarbeiten und die beiden
Klassen dafür nach Timau einzuladen – einschließlich Bustransfer und Mittagessen. Was als „nette
Idee“ ganz harmlos erschien, wurde so schnell zur organisatorischen Meisterleistung. Und auch hier
wieder eine Demonstration des vorherrschenden „Überlebensmodus“: aus unserer Sicht hätte man
gut auch schon vieles am Tag zuvor abklären und die Technik einrichten können, aber da gab es eben
andere dringende Arbeit zu tun. Und weil zum Schluss alle Beteiligten irgendwo zu spät waren und
man das auch weiß, klappte es dann auf die letzte Minute doch irgendwie – und somit wird es auch
beim nächsten Mal nicht anders laufen…. Das Gesamtergebnis dieser Aktion war für mich persönlich
allerdings eher enttäuschend – oder meine Erwartungen waren einfach zu hoch gewesen.
Letztendlich war es das Hauptanliegen der begleitenden Lehrkräfte, aus dem Film die prüfungsrelevanten
Daten nochmals herauszuholen und ihren Schülern ein weiteres Mal „einzuhämmern“,
eine freie Diskussion zum emotional doch recht anspruchsvollen Film kam eigentlich kaum zustande.
Beklagt man schon in Deutschland oft die Lücke zwischen Unterrichtsstoff und Lebenswirklichkeit, so
gilt dies in Kenia sicher um ein Vielfaches mehr. Nicht vergessen darf man dabei aber die Tatsache,
dass bei uns meist die Eltern den Part der „Eingliederung in die Gesellschaft“ übernehmen, also
darauf dringen, dass rechtzeitig Bewerbungen geschrieben werden und wer da vielleicht weiterhelfen
könnte, wenn dies nicht selbst geleistet werden kann und viele solcher Dinge mehr. In einer
Gesellschaft, die sich allerdings so rasant von einer agrarischen Sippengesellschaft zur
konsumorientierten Demokratie entwickeln will, kann dies nicht funktionieren, da die meisten Eltern
keinerlei Ahnung von den Anfordernissen der Moderne haben, sondern ihre Kinder zur Schule
schicken, damit diese viel Geld verdienen und sie im Alter versorgen können. Somit hätte die Schule
eigentlich eine viel umfänglichere Aufgabe zu leisten als bei uns, die wir für Alles und Jedes
weitergehende Beratungs- und Unterstützungssysteme entwickelt haben. Auch wenn unsere Besuche
hier nur ein verschwindend kleiner Tropfen auf den heißen Stein sind bin ich fest davon überzeugt,
dass der Kontakt mit Jugendlichen aus der sogenannten „westlichen Welt“ in dieser Hinsicht mehr
bewirkt, als dies auf den ersten Blick erkennen lässt. Und auch hier wieder eben nicht „belehrend“,
sondern freilassend-impulsierend.
Für unser Hauptprojekt in Kongoni
hatten wir bei diesem Besuch leider
wenig Zeit, allerdings fanden zwei
recht fruchtbare Zusammenkünfte
mit dem neugegründeten
„Schulentwicklungskomitee Kongoni“
statt. Recht überraschend waren wir
vor ca. einem Jahr über die Errichtung
einer Privatschule mit Vorschule im
dörflichen Kongoni unterrichtet
worden. Bei näherer Recherche
stellte sich nun heraus, dass es wohl
eine durchaus lukrative Geschäftsidee ist, mit dem durch die steigende Schülerzahl steigenden
Unterrichtsbedarf Geld zu verdienen, sofern man etwas Startkapital für das Grundstück und die in
Dünnblech errichteten Unterrichtsgebäude hat. Die Lehrkräfte – meist Studienabgänger ohne
staatliche Anstellung – erhalten ein Hungergehalt, die Eltern zahlen Schulgeld, um die großen
Klassenstärken in den überfüllten staatlichen Schulen zu umgehen. Und für den Kindergarten in
Kongoni bedeutet das, dass die zahlungsfähigen Elternhäuser in dem von uns unterstützten E.C.D.E
noch weniger werden und somit Kinder aus sozial schwachen Familien noch stärker unter sich
bleiben.
Dennoch eine freudige Nachricht: mit Unterstützung des DEO (zuständig für Erziehungsfragen im
District) ist es nun endlich gelungen, eine beglaubigte Kopie der für den weiteren Ausbau des Kindergartens benötigten
Landbesitzurkunde zu erhalten. Somit ist der Weg offen für alle weiteren Pläne, diese sollen sofort
nach Fertigstellung der Lernhütte an der Primary School in Timau in Angriff genommen werden.
Und zum Schluss noch ein „Privates Lernprogramm“ meinerseits: Nachdem die Baustelle von Francis
und dem Bauteam nahezu perfekt organisiert war, hatte ich etwas ungeplante Freizeit, die ich –
zugegebenermaßen reichlich unvorbereitet und naiv – den Straßenkindern in Timau widmete. Es
bestanden bereits lose Kontakte durch Francis und auch unseren Partnerverein Camp for Social
Develoment Mt. Kenya und ich begann, auf dem lokalen Markt Bananen zu kaufen und an die Jungs
zu verteilen. Und wurde recht heftig mit meiner Unfähigkeit und dem harten täglichen
Überlebenskampf konfrontiert, indem sich die Empfänger heftig prügelten, die Kleinsten der Gruppe
leer ausgingen und sich bitter bei mir beschwerten. Aus dieser Erfahrung etwas klüger geworden,
engagierte ich mir für die Zukunft einheimische Hilfe, das funktionierte dann schon deutlich besser.
Wir organisierten Frühstücke, die Jungs bereiteten selbständig Tee aus den Zutaten, die ich vorher
eingekauft hatte, ich schmierte Brote mit Margarine und Honig, der Größte der Gruppe überwachte
die Verteilung mit dem Stock in der Hand – und ich lernte, wie wichtig eindeutige Regeln in diesem
Zusammenhang sind. Die Verteilung von mitgebrachter Kleidung und gekauften, gebrauchten
Schuhen wurde anhand eines „Verteilungsbuches“ organisiert, bei dem ich alle Jungs fotografiert und
mit Namen versehen eingetragen hatte, dazu Art und Datum der Empfangsleistung. Das ganze Projekt
wuchs mir mehrmals über den Kopf und Francis musste dann vermitteln und wieder „Gerechtigkeit
herstellen“. Dennoch hat mich der positive Überlebenswille dieser Jungs sehr nachhaltig beeindruckt,
ihre Freundschaft und Solidarität untereinander, die Fähigkeit, Regeln einzuhalten und mit Geld
umzugehen, aber auch ihr Egoismus, wenn es ums „blanke Überleben“ geht und absehbar ist, dass
das verteilte Gut wohl nicht für alle reicht.
Die einheimische Bevölkerung zeigte
großes Interesse und einige
Kirchenvertreter würden gerne
weiterführend in diesem Bereich mit
uns zusammenarbeiten. Leider sieht
es momentan nicht so aus, als ob
unser kleiner Verein dies finanziell
leisten könnte. Es bleibt zu hoffen,
dass sich die angehenden Sozialpädagogen
der Dualen Hochschule
Heidenheim dieses Aufgabenfeldes
annehmen, es ist sicher eine
lohnende und erfüllende Aufgabe!
Und zum Abschluss noch eine
Bemerkung zur Hungerkatastrophe in Ostafrika: in den kenianischen Medien ist das Thema durchaus
präsent, aber im Alltag in der Region am Mount Kenya nicht akut, dort gab es ausreichend Regen und
somit auch genug Nahrungsmittel, zumindest für diejenigen, die sie bezahlen können. Vieles erinnert
an meine Erfahrung mit den Straßenjungs: Solange bestimmte Regeln herrschen und es für alle zum
Überleben reicht, ist auch eine Notsituation beherrschbar. Hat aber auch die kenianische Bevölkerung
im wüstenähnlichen Grenzgebiet zu Somalia nicht genug zu essen, kann die Versorgung der 400.000
Flüchtlinge aus dem Nachbarstaat durch die UN sehr schnell zum Problem werden. Spendenaktionen
großer und gutorganisierter Hilfsorganisationen sind meiner Meinung nach bestimmt das Gebot der
Stunde, es sollte aber nicht dabei bleiben. Die Ursachen solcher Hungerkatastrophen sind nach
Aussage vieler Experten durchaus bekannt und ließen sich mit einigem guten Willen auch wirksam
bekämpfen. Wenn man politisch denn wollte. Vielleicht sollten wir – und gerade auch wir etwas
Älteren – doch öfter anmahnen, unser umfangreiches Wissen wieder mehr den immer noch
ungelösten – aber lösbaren - humanitären Grundsatzproblemen unserer globalisierten Gesellschaft
zuzuwenden. „Wo am Nötigsten“ – wie es in der Kirchensprache heißt.
In diesem Sinne möchten wir uns wieder bei allen Mitgliedern, Spendern und Interessenten ganz
herzlich bedanken, ohne Ihre Unterstützung wäre unsere Arbeit gar nicht möglich!"
Elke Bär