Update aus dem Kongo von Felix Weth
„EIN ENORMES DORF“
so beschreibt der Regisseur Djo Munga seine Heimatstadt Kinshasa, die Hauptstadt der demokratischen Republik Kongo, mit mittlerweile fast zehn Millionen Einwohnern. In alle Richtungen ausufernd, von wucherndem Grün durchsetzt und zusammengehalten von einer bis aufs Unwahrscheinliche verwahrlosten Infrastruktur, blickt die Metropole am Ufer des Kongo auf unbewohnte Inseln in Wurfweite.
Meinen Eindruck von der Stadt in Worte zu fassen fällt mir nach gut drei Wochen hier noch immer nicht leicht. Als ein veranschaulichendes Bild muss deshalb das „Taxi“ herhalten, das mich vorgestern Abend durch den Sturzregen chauffierte: Die grobe Form des Fahrzeuges lässt auf einen alten VW-Bus schließen, weitere Merkmale sind unter Beulen, Rost- und Einschusslöchern (!) und dem fröhlich-blau-gelben Anstrich nicht auszumachen. Sein Innenleben ist äußerst pragmatisch gestaltet: Längst von allem unnötigen Schnickschnack befreit, beschränkt es sich auf ein halbes Dutzend 20cm breiter Holzbänke, auf denen jeweils mehr oder minder bequem vier bis fünf Passagiere Platz finden. Weniger pragmatisch scheint mir dagegen die Kombination einer zur Hälfte gesplitterten Windschutzscheibe mit dem schlichten Verzicht auf Scheibenwischer. Durch den dichten Fluss des abendlichen Regens schaffen es nur die stärkeren Lichtquellen, für das geübte Auge des Fahrers vielleicht sogar ab und zu der Rand der Straße. Tagsüber im Verkehrsgerangel sicherlich nicht zimperlich, besinnt er sich angesichts dieser erschwerten Bedingungen und der mit verlässlicher Unregelmäßigkeit auftauchenden Schlaglöcher auf langsame, fast behutsame Geschwindigkeit. Fahren nach Tastsinn. Die Insassen sind dabei durchaus nicht schlechter Stimmung. Aus dem Radio klingt Musik, mancher unterhält sich heiter und alle steigen ins Gelächter ein, als der mitfahrende Passagierfänger und Kartenkontrolleur nach einem kurzen Orientierungsversuch nassgeduscht die Schiebetür wieder schließt. So langsam und holprig wir auch durchs Ungewisse kriechen, wir bewegen uns doch, und irgendwann erreichen wir wirklich die Place de la Victoire, wo wir dankbar das Taxi wechseln.
Die Gründlichkeit und die Nachhaltigkeit, mit der die kleptomanische Diktatur Mobutus die Grundstruktur der Stadt (bzw. des ganzen Landes) desintegriert hat, veranschaulicht vielleicht noch besser ein weiteres Beispiel: Nicht weit vom riesigen Parlamentsgebäude öffnet sich ein wild bewachsenes Buschland von etwa einem Quadratkilometer Fläche, dessen einziger Zweck der Umweg zu sein scheint, den die großen Straßen drum herum machen müssen. Noch 1990, so wird mir erklärt, stand hier das größte Einkaufszentrum Subsahara-Afrikas. Doch das war vor den Plünderungen von 1991 und 1993, während derer die über Jahrzehnte von ihrem Staat ausgeraubte Bevölkerung für einen kurzen anarchischen Augenblick einmal der Praxis ihrer Eliten nacheiferte. Als sei es das Ziel gewesen, der Kleptokratie ein angemessenes Denkmal zu schaffen, ist der Mob dabei so gründlich über den einstigen Konsumtempel hergefallen, dass selbst die Betonmauern des Gebäudes mitgenommen wurden.
Die Absurdität solcher Beispiele kann manchmal von der Ernsthaftigkeit der Situation ablenken: In Kinshasa verhungern täglich Menschen und aus dem Osten des Landes hören wir immer wieder Nachrichten, deren Schrecklichkeit im Detail betrachtet den Verstand überfordert. Nach dem (vorläufigen) Ende des gemeinsamen „Säuberungsversuches“ der kongolesischen und ruandischen Truppen, der die FDLRMilizen zu grausamen Racheaktionen an der Zivilbevölkerung angestachelt hat, scheint die Situation von Kinshasa aus vielleicht noch unüberschaubarer als aus dem Ausland.
Ziemlich genau auf der Luftlinie zwischen dem chaotischen Kinshasa und den krisengeplagten Ostprovinzen liegt isoliert und umgeben von dichtem Regenwald die Heimatstadt unserer Stipendiaten – Kindu. Und vielleicht ist es wirklich dort, wo der nachhaltige Aufbau einer friedlichen Demokratie ansetzen muss. Schon die Anzahl der Problembereiche macht in meinen Augen deutlich, dass es keinen einfachen Lösungsplan geben kann. In einem Punkt sind sich aber praktisch alle einig, mit denen ich bisher sprechen konnte: Ohne Bildung auch für die weniger Privilegierten, ohne die Befähigung der gesamten Bevölkerung, sich politisch zu beteiligen und verantwortungsvolle Arbeit von ihren politischen Vertretern zu fordern, wird sich das Land auch langfristig nicht aus seiner Misere befreien. Um dahin zu gelangen, wird es viele Einzelne geben müssen, die als Vorbilder und Vermittler vorangehen. Es freut mich zu wissen, dass wir mit unserem Projekt in Kindu bereits Einige auf diesem Weg unterstützen.