Staubiges Geröll und Weite bis zum Horizont, tiefe Canyons und steile Berge, kahle Wüste und grüne Prärie. Stille und Einsamkeit.

So beschreibt Virginie Goethals die Szenerie ihres Extrem-Laufs durch die Wüste Gobi im Rückblick. Sie ist eine von 160 Teilnehmern – unter ihnen 25 Frauen – die im Juni an den Start gingen, sieben Tage und 250 Kilometer vor sich. Bei 30 Grad im Schatten. Ihre gesamte Verpflegung trug Virginie die ganze Zeit bei sich, nur Wasser und Zelte wurden unterwegs bereitgestellt. Beim Start hatte sie 8,5 Kilo auf dem Rücken, nur das Nötigste, und trotzdem: „Am Anfang isst man, was man kann, nur um das Gewicht zu verringern. 8,5 Kilo sind verdammt schwer, wenn man in der brennenden Sonne durch die Wüste läuft“, erzählt Virginie. Einige gingen, doch die meisten liefen tatsächlich die meiste Zeit. Sie schätzt, dass sie selbst 80 Prozent der Strecke gelaufen ist. Nur in den Canyons war es hart, da ist sie dann doch manchmal gegangen.

Racingtheplanet / Zandy Mangold

 

Laufen für den guten Zweck – mit einer Spendenaktion auf betterplace.org

Wofür diese Tortur? „Zum einen für mich selbst, um einmal wirklich allein mit mir zu sein. Zum anderen und vor allem – denn so entstand überhaupt erst die Idee ­– für den guten Zweck“, sagt sie. Virginie hat ihren Lauf mit einer Spendenaktion auf betterplace.org verbunden (gobi.betterplace.org) und ist für die Kinder eines Heims in Zhengzou, Südchina gelaufen. Die 36-jährige Belgierin selbst lebt mit ihrer Familie in der chinesischen Stadt Beijing. In dem Heim werden Kinder aufgenommen, deren Eltern im Gefängnis sitzen. Das Heim befindet sich daher auch in der Nähe eines Frauengefängnisses. Auf diese Weise können die Kinder ihre Mütter besuchen, so oft es geht. Und so lange es möglich ist. Denn viele der Frauen wurden zum Tode verurteilt. Die Organisation „Morning Tears“ betreibt das Kinderheim und kümmert sich um die oft traumatisierten Kinder. Sie hilft ihnen nicht nur mit Obdach, Kleidung, Essen, sondern auch mit viel liebevoller Fürsorge und ausgebildetem therapeutischen Personal. „Es ist eine großartige Einrichtung, die so wichtige Arbeit macht. Daher habe ich meinen Lauf mit der Spendenaktion auf betterplace.org verbunden“, erzählt Virginie.

Die ganzen sieben Tage und 250 Kilometer durch die Wüste wurde sie so von dem Bewusstsein angetrieben, dass sie auch und ganz besonders für andere lief. „Das hat mich gerade in den harten Momenten angespornt“, erzählt sie, „wenn ich glaubte, gleich geht es nicht mehr.“ So ein Moment war zum Beispiel der dritte Tag Ihres Laufs: „Sie hatten uns erzählt, es würde eine leichte Etappe werden. In Wirklichkeit war es ein Lauf durch die Hölle: 3000 Meter Höhe, es war wahnsinnig heiß und extrem schwierig, die Strecke zu finden, der Anstieg war steil und Sauerstoff fehlte, so dass ich kaum atmen konnte. Ich wollte mich nur hinlegen und nicht mehr weiter. Da habe ich an die Kinder gedacht und an das Projekt und an die vielen Menschen, die bereits gespendet hatten. Das hat mir neue Kraft gegeben.“

 

Unterwegs halfen die Läufer sich gegenseitig

Unterstützung erhielt Virginie auch von anderen Läufern, die aus allen Teilen der Welt kamen, aus Europa, Russland, China, den USA, Kuweit. „Es war wie ein großer Friedenslauf“, sagt sie. Manchmal liefen sie zu zweit oder zu dritt eine Weile zusammen. Oft schweigend, manchmal auch, um sich gegenseitig anzutreiben. So lief  Virginie eine Strecke gemeinsam mit Youssef, einem stolzen jungen Mann aus Kuweit. Gemeinsam liefen sie durch ein ausgetrocknetes Flussbett, die Sonne brannte, es gab kaum Markierungen und die Gefahr, sich zu verlaufen. Außerdem Schlangen. „Ich hatte große Angst vor den Schlangen“, erzählt Virginie, „auf keinen Fall wollte ich in diesem Teil der Strecke allein laufen, und schon gar nicht anhalten. Aber Youssef konnte nicht mehr, er war erschöpft. Da habe ich kleine Frau ihn immer wieder angeschrien, sobald er sich setzen wollte: Er solle sich gefälligst zusammenreißen und laufen. Und es hat funktioniert: Er ist weitergelaufen. Später sagte er mit einem Grinsen zu mir: ‚Du kleine Frau kannst Menschen wirklich bewegen.‘“

Aber auch Virginie selbst brauchte manchmal Hilfe und Ansporn. So zum Beispiel, als sie zehn Kilometer vor Ende des längsten Teilstücks schlimme Magenkrämpfe bekam. Die ganze Zeit hatte sie das Feld der Frauen angeführt und war ein gutes Stück vor ihnen gelaufen. Als sie nun da mit ihren Krämpfen stand, holte eine Kanadierin sie ein, eine erfahrene Extremläuferin. „Sie hätte einfach an mir vorbeilaufen können“, erzählt Virginie, „aber sie hielt an und sagte zu mir: ‚Komm schon, weiter, du warst die ganze Zeit vorn, ich helfe dir beim letzten Stück.‘ Und sie lief den Rest der Etappe neben mir, wir sind einfach schweigend nebeneinander hergelaufen, ohne ein Wort. Es hatte kurz zuvor einen Sturm gegeben, es war staubig und windig. Auch waren die Krämpfe noch da, aber sie waren nicht mehr schlimm. Es war einfach ein ganz besonderer Moment, wie wir da zusammen durch diese Weite gelaufen sind, Seite an Seite.“

 

Im Ziel – und das nächste schon im Blick

Insgesamt waren es vier 40-Kilometer-Etappen, eine 80-Kilometer-Etappe und zum Abschluss eine von zehn Kilometern, die Virginie bewältigt hat. Als sie am letzten Tag in Upal ankommt und die Ziellinie durchläuft, empfangen einheimische Kinder tanzend und lachend die erschöpften Läufer. „Sie tanzten traditionelle Tänze, es waren sehr viele Menschen dort, Einheimische. Sie alle haben uns willkommen geheißen.“ Und es gab Pizza und Bier: „Ich war so ausgehungert. Die ganze Zeit hatte ich nur so viel essen können, wie nötig war, um mich am Laufen zu halten, ich musste es ja selbst tragen. Da habe ich drei Pizzen auf einmal verdrückt“, erzählt Virginie.

Am Ende ist sie drittschnellste Frau und hat den nächsten Lauf bereits im Auge. Im Frühjahr 2013 will sie das nächste Mal unter ähnlichen Bedingungen starten und auch dann den Lauf auf jeden Fall nutzen, um Spenden zu sammeln für die Kinder von „Morning Tears“. Nur geht es dann nicht durch die Wüste Gobi, sondern durch die Atacama-Wüste in Chile.

Fotos: www.racingtheplanet.com / Zandy Mangold

 

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Kirsten Mieves von betterplace.org

 

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Geschrieben von am 2.08.2012. Zuletzt aktualisiert am 12.11.2012.

1 Kommentare zu “In sieben Tagen durch die Wüste”

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