Deutschlands größte Spendenplattform

Wie gehe ich mit negativen Kommentaren um?

Mirjam Kinzel
10.01.2018

Es kommt vor, dass auf euren Projektseiten negative Kommentare hinterlassen werden. Die Kommentarfunktion auf betterplace.org dient dem öffentlichen Meinungsaustausch. Dabei kann konstruktive Kritik häufig hilfreich sein und sollte auf jeden Fall zeitnah beantwortet werden. 

Aber wie geht man mit diffamierenden Kommentaren um, die über die freie Meinungsäußerung hinaus gehen? Leonie von Sea-Watch e.V. erklärt im Interview, wie die Organisation, die in letzter Zeit sehr häufig mit negativen Kommentaren, vor allem zu ihrem Einsatz auf dem Mittelmeer, konfrontiert wurde, in solchen Situationen reagiert:

Kannst du dich kurz vorstellen und kurz beschreiben was genau du bei Sea-Watch e.V. machst?

Ich bin Leonie* und seit etwa zwei Jahren bei Sea-Watch in verschiedenen Bereichen aktiv. Neben Medien- und Öffentlichkeitsarbeit bin ich seit etwa zwei Jahren sozusagen hauptverantwortlich für die Moderation unserer facebook-page, wobei mich seit letztem Winter meine Kollegin Steffi sehr unterstützt. Meistens betreue ich weitere Postfächer, über die allgemeine Anfragen an Sea-Watch kommen.

Wie oft werdet ihr mit negativen Meinungen konfrontiert?

Täglich. Ich sehe oft einen deutlichen Zusammenhang der Menge und der “Qualität” der Hasskommentare, wenn gerade etwas passiert ist, dass die Medien aufgegriffen haben, das Thema “Mittelmeer” besonders aktuell ist oder wenn koordinierte Aktionen von rechts gegen uns stattfinden. Aber Drohungen, Beleidigungen und wüste rassistische Kommentare Menschen auf der Flucht gegenüber erreichen uns täglich.

In welcher Form erreichen euch diese negativen Kommentare?

Ein Großteil spielt sich in den sozialen Netzwerken ab, besonders auf facebook. Da kann es sein, dass wir unter einem Post hunderte Kommentare verbergen müssen, weil sie keine kritische Meinung, sondern rassistischen Hass, Hetze und Vergewaltigungswünsche bis hin zu ganz offenen Morddrohungen enthalten. Wir bekommen aber auch über unser Info-Postfach eine Menge wüste Post, und im Büro hängt ein Sammelsurium der absurdesten Zusendungen an der Wand.

Wo zieht ihr die Grenze zwischen kritischer Meinungsäußerung und diffamierenden Kommentaren?

Ich finde eine kritische Auseinandersetzung mit wichtigen Themen absolut wünschenswert. Mit kritischen Fragen oder Meinungen, die nicht meine sind, habe ich persönlich überhaupt kein Problem. Ich denke, eine Gesellschaft lebt von Vielfalt und Diskussion. Rassistische, sexistische, xenophobe und menschenverachtende Kommentare, Drohungen, Beleidigungen und persönliche Angriffe gegen Menschen - Flüchtende, Aktivist*innen und andere Kommentator*innen - haben bei uns aber keinen Platz. Ich empfinde es auch als meine Pflicht, andere Kommentaror*innen auf unseren Plattformen zu vor solchen Übergriffen zu schützen. Solche Kommentare verbergen oder löschen wir, wenn es immer wieder vorkommt, sperren wir die Nutzer*innen. Besonders drastische Kommentare melden wir auch der Polizei, wobei wir da nicht über annähernd ausreichende Kapazitäten verfügen, das ernsthaft zu verfolgen.

Antwortet ihr auf jede negative Kontaktaufnahme? Welche beantwortet ihr nicht?

Ja. Ich werde oft gefragt, wieso ich “solchen Leuten überhaupt antworte”. Das hat verschiedene Gründe. Erstens wird eine Antwort nicht nur vom Schreiber des Hasskommentars gelesen, sondern von all denen, die wir mit unseren Posts potentiell erreichen. Ich finde es sehr wichtig, zu zeigen, dass wir eine Antwort haben. Ich finde es auch wichtig, seine eigenen Überzeugungen in Diskussionen mit anderen zu prüfen und zu festigen. Ich versuche, zwischen ernsten Sorgen und bloßen Hasskommentaren zu differenzieren und freue mich, wenn wir bei unserem Gegenüber ein Umdenken bewirkt haben.

Habt ihr eine bestimmte Strategie,um mit diffamierenden Kommentaren und Shitstorms umzugehen?

Leider kann man nicht immer darauf vorbereitet wein, weil man nie weiß, was einen Shitstorm auslöst und wann eine koordinierte Aktion stattfindet. Mein erster Shitstorm kam ganz überraschend und plötzlich und war wirklich ziemlich heftig. Ich habe in wenigen Tagen tausende Todeswünsche und -drohungen gesichert und gelöscht und hundertfach die immer gleichen Fragen beantwortet. Meine Kolleg*innen sagten damals, “pass auf, der Hass, das macht was mit dir.” Und sie hatten Recht - es ist wirklich gut, so etwas nicht allein durchstehen zu müssen und sich auf sein Team 100% verlassen zu können. Für mich ist es deshalb besonders gut, dass ich vor der Flut der Kommentare nicht alleine sitze. Seit letztem Winter trotzen Steffi und ich den Trollen gemeinsam. Es beruhigt meine Nerven, zu wissen, dass sie diese schlimmen Dinge auch sieht, und dass wir uns jederzeit austauschen und gegenseitig stützen können.

Was würdest du anderen Organisationen empfehlen, die mit Anfeindungen oder negativen Kommentaren konfrontiert werden?

Das ist auch schon meine Empfehlung. Ich denke, auf Dauer ist es nicht gut, dass alleine durchzustehen. Hilfreich ist der Austausch über das Gesehene und was es in einem auslöst. Auch wenn es schwer fällt, Pausen zu machen und etwas Abstand gewinnen. Das Beste aber ist ein Team und eine Aufgabe, hinter denen man zu hundert Prozent steht.

*Name geändert