47/F • Berlin, Germany
Ich habe mich entschieden, dieses Projekt zu unterstützen - als Fürsprecherin und mit einer Spende. Ich kenne Gabriele Müller nur über Betterplace, zur Projektregion habe ich keine persönliche Beziehungen... Warum also setze ich mich für dieses Projekt ein, für den neuen Bedarf der Festanstellung von Amina, die ich auch nicht persönlich kenne?
Viele Gründe sprechen dafür. Oft war ich im Libanon, einem Land, das von 17 Jahren Bürgerkrieg zerrissen war. Nachbarn, die bis Kriegsausbruch gut miteinander ausgekommen waren, standen plötzlich auf verschiedenen Seiten der Barrikade - nur wegen ihrer formalen Zugehörigkeit zu einer der vielen Religionsgemeinschaften. Meine Freunde dort sind gläubige Schiiten, Sunniten, Drusen, Christen - und Kommunisten. Sie alle sagten übereinstimmend: der Krieg hat aus uns Ungeheuer gemacht. Sie bezeichneten sich selbst als psychisch und moralisch geschädigt. Eine Freundin (maronitische Christin) wartet bis heute auf ihren Mann, den Vater ihres Sohnes, der entführt wurde einige Wochen bevor Bassam geboren wurde. Bassam ist heute 27 Jahre alt und kennt seinen Vater nur von wenigen Fotos. Die Familie war einst vermögend. Nach dem Krieg besassen sie nur noch eine Ruine in einem Dorf im Gebirge, die sie sich inzwischen wieder aufgebaut haben. Jugendliche in der Familie, die mit dem Krieg aufgewachsen sind, wünschen sich zum Geburtstag automatische Gewehre.
Mein ehemaliger Schwager Ali (Schiit) war während der israelischen Besatzung in einem israelischen KZ. Monatelang. Seine Familie haßt alles, was israelisch ist. Ali sagt, er hat gelitten in der Haft, unter Folter und Nahrungsentzug, aber auch gelernt, dass nicht jeder israelische Rekrut, der ihn bewachte, ein Verbrecher ist. Er weiss zu differenzieren aus selbst erfahrener Humanität von Vertretern eines Feindes, die sich menschliches Gewissen bewahrt haben. Aber er fürchtet aber nach wie vor alles, was nach Krieg aussieht. Ein Trauma der anderen Art. Gibt das Hoffnung für ein bis heute zerrissenes Land?
Haben Sie verstanden, warum ich dieses Projekt in einem mir unbekannten Land unterstütze?
Traumata verhindern die Fähigkeit zu differenziertem Herangehen. Wer Menschen dabei unterstützt, damit umzugehen, Traumata zu überwinden, verhilft zu einem Stück Lebensqualitiät. Viele Institutionen denken, das kann man eben mal so nebenbei alles regeln. Nein - kann man nicht! Wenn ich Sie darum bitte, Amina vorerst für eine gewisse Zeit die soziale Sicherheit zu geben, damit sie Kindern, die in Bosnien einmal eine friedliche Gesellschaft formen sollen, von den Kriegserlebnissen zu "heilen" - dann spreche ich aus meiner persönlichen Kenntnis einer kriegsgeschädigten Gesellschaft im Nahen Osten und aus dem persönlichen Wissen heraus was es bedeutet, keine soziale Sicherheit zu haben.
44/F • Gorazde, Bosnia and Herzegovina
„Kuca SEKA auf Brac ist seit dem Jahr 2002 so etwas wie „mein zweites Zuhause“ geworden, ein Ort, wo ein neues Kapitel meines Lebens begonnen hat, ein Ort wo ich gelernt habe, mit meinen Kriegserfahrungen weiter zu leben; wo ich die Kraft gefunden habe, meine schwere Krankheit zu überwinden; mein ‚Platz unter der Sonne’, mein ‚sicherer Ort’, der Ort wo ich Aufmerksamkeit, Liebe, Wertschätzung und all das bekommen habe, was ein Mensch braucht, um ‚einen neuen Morgen in sich zu entdecken’.
Ich könnte darüber noch lange schreiben, denn meinen Weg der Heilung hat mir SEKA Brac ermöglicht, meine Therapeutin Gabi und das ganze Team. Wenn es diese therapeutische Arbeit , diese Unterstützung durch sie nicht gegeben hätte, dann wäre ich heute wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Die Art der therapeutischen Arbeit, aber auch die menschliche Haltung, haben mir geholfen mir bewusst zu werden, wer und was ich bin. Als Frau, die dreieinhalb Jahre an der vordersten Front zur Verteidigung Gorazdes gekämpft hat, trage ich mit mir Erfahrungen, Erinnerungen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie im Leben erleben muss….
Ich stehe noch heute hinter dieser Entscheidung; sie war eine unwillkürliche Reaktion, auf das was geschah, meine instinktive Entscheidung, mich selbst und andere zu verteidigen. Und dennoch habe ich durch den Krieg ein negatives Bild meiner selbst bekommen – ich war nicht stolz auf mich selbst und auf all dies Dinge, die sich im Krieg ereignet haben. Wer keinen Krieg überlebt hat, kann das vielleicht schwer verstehen.
Im SEKA-Haus auf Brac habe ich dann Wertschätzung und Respekt erfahren, für das, was ich erlebt hatte; es ist mir – durch die fachliche Unterstützung meiner Therapeutin – gelungen, meine Geschichte, meinen Schmerz, mit dem ich gekommen war, und das Trauma, mit dem ich gelebt habe, zu überwinden. Heute bin ich mir all dessen bewusst, was hinter mir liegt, und oft frage ich mich: Ist das wirklich möglich, dass ich heute fast normal lebe?! Es ist nicht möglich, den Krieg zu vergessen, aber jetzt weiß ich, dass es möglich ist, dass du dir der eigenen schwachen und starken Seiten bewusst wirst, dass du dein Verhalten in bestimmten Situationen besser verstehen und dich so akzeptieren kannst, wie du bist. Und dann wieder zu fühlen beginnst, zu lieben, wieder den Duft der Blumen wahrzunehmen, den Geschmack des Essens – und nach vielen Jahren laufen dir wieder Tränen übers Gesicht…..
Meine persönlichen Erfahrungen haben mich dann motiviert, den Verein SEKA hier in Gorazde mitzugründen, – und mein Wunsch, dass die Menschen in Gorazde durch das Projekt SEKA ihre Chance bekommen – auf ein besseres Heute und ein besseres Morgen.
Dazu möchte ich mit meinem Engagement beitragen. Die Blumen, die SEKA Brac für mich und viele Hunderte Frauen und Kinder ‚gesät’ hat, haben mir ermöglicht, dass ich wachse und mich meines Lebens wieder freuen kann und des Lebens der Menschen um mich. Nun möchte ich zusammen mit meinen Kolleginnen solche Blumen für andere Menschen säen – für Gorazde….
Während des Krieges in Bosnien-Herzegowina von 1992 bis 1995 hat Gorazde unter fortgesetzter Belagerung gelebt. Das bedeutete ständige Granatierung, der Beschuss durch Heckenschützen, die Ermordung vieler Menschen, tausende Flüchtlinge aus den umliegenden Orten, schwere Hungersnot, das Gefühl, dass wir von allen vergessen sind; der Kampf ums nackte Überleben… Und gleich nach der Unterschrift unter das Abkommen von Dayton begann ein neuer Kampf – um die Existenz….
Zu Anfang waren wir uns gar nicht bewusst, was wir in unseren Seelen tragen, aber von Tag zu Tag werden wir der Folgen des Krieges mehr gewahr. Viele Menschen sind ohne Arbeit. Dies verstärkt noch ihr Gefühl der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Die Folge ist neben anderem Alkoholismus und Gewalt – gerade auch innerhalb der Familie. Kriegstraumatisierte Veteranen übertragen ihre psychischen Probleme auf ihre Frauen und Kinder.
In Gorazde gibt es keine angemessene psychologische Hilfe; die Gesundheitsbehörde hat kaum Fachpersonal; zudem fällt es den Menschen noch immer schwer, zum Psychiater zu gehen, da sie die Reaktion ihrer Umgebung fürchten (z.B. für ‚verrückt’ erklärt zu werden.) Aber selbst, wenn sie dort Hilfe suchen, endet das damit, dass sie Beruhigungsmittel verschrieben bekommen. Deshalb ist die Eröffnung des Projekts SEKA hier von großer Bedeutung: weil den Menschen in Gorazde zum ersten Mal psychotherapeutische Hilfe geboten wird, auf eine Art und Weise, die sie annehmen können, und darüber hinaus Fortbildung für das Fachpersonal der Gesundheitsdienste und sozialen Institutionen.
Ich bin sehr froh, auf welche Weise SEKA hier aufgenommen wird: Während wir die neuen Räume renoviert haben, erfuhren wir von einer ganzen Reihe von Menschen Unterstützung. Viele sind interessiert an unserer Arbeit. Die sozialen Gesundheits-Institutionen betrachten SEKA als ihnen gleichwertig und sind an einer Zusammenarbeit sehr interessiert. Das alles erfüllt ich mit Stolz und Glück, denn ich weiß, dass das, was wir anbieten wollen, dieser Stadt und ihren Menschen mehr als notwendig ist.
Sehr wichtig ist mir auch unser Team und die Mitfrauen unseres Vereins. Alle sind hoch motiviert und jede trägt auf ihre Weise zum Gelingen des Projekts bei….
Zum Schluss möchte ich allen Menschen in Deutschland und international danken, die SEKA unterstützen und diese Aufgabe Gabi und uns allen übertragen haben. SEKA wird seinen Weg in Gorazde fortsetzen – und glauben Sie mir, es ist der richtige Ort!“
Uebersetzung: Mirjana B.