Erinnerungspolitik: Was sich ändern muss!
Am 1. September 2009 ist der Beginn des zweiten Weltkriegs in Europa (!) 70 Jahre her. Es ist zu erwarten, dass in den Medien und offiziellen Gedenkveranstaltungen - einmal mehr - der übliche Eurozentrismus dominieren wird. Der Weltkrieg fand aber nicht nur in Europa und nicht nur unter Beteiligung von Europäer/innen statt. Ganz im Gegenteil. Millionen Menschen aus der Dritten Welt beteilgiten sich - teils freiwillig, teils erzwungen - am Kampf gegen Faschismus und Imperialismus. Es wird eine Ausstellung geben zur "Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg" und ein Begleitprogramm mit dem Schwerpunkt "Afrika im Zweiten Weltkrieg" - dazu gehören Fünhrungen, Afrikanische Filme, Konzerte, ein Musical, Theater, Schulprojekte und vieles mehr...
Grundlage des Gesamtprojektes bilden zwei exzellent recherchierte Bücher, die vom Rheinischen JournalistInnenbüro bzw. recherche international e.V. in den letzten Jahre n veröffentlicht wurden. Zum einen handelt es sich um das im Jahre 2005 herausgegebene Buch "Unsere Opfer zählen nicht - Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" , der ersten deutschsprachigen Publikation zum Thema, die in Fachkreisen auf ein überaus positives Echo stieß. 24 Kritiker aus Zeitungs-, Rundfunk- und TV-Redaktionen kürten „Unsere Opfer zählen nicht“ im Juli 2005 zum „Sachbuch des Monats“ 1 , die breitere Öffentlichkeit jedoch nimmt das Thema nur sehr zögerlich zur Kenntnis und bis in die Fachbücher für den Schulunterricht sind die hier zusammengetragenen Fakten und Zeitzeugenberichte noch nicht vorgedrungen. Im Frühjahr 2008 legten die Autoren daher Unterrichtsmaterialien zum Thema nach, deren pädagogisches und didaktisches Konzept in enger Zusammenarbeit mit Lehrern und Lehrerinnen für Geschichte und Gesellschaftslehre sowie Historikerinnen, Politik- und Erziehungswissenschaftler/innen erarbeitet wurde. Die Materialien stießen in Fachkreisen auf ein ähnlich positives Echo wie das Buch. 2
Bereits in der Entstehungsphase dieser Publikationen waren AfricAvenir International e.V. und recherche international e.V. in engem Kontakt und Austausch. Prof. Kum’a Ndumbe III., Gründer von AfricAvenir und einer der ersten Wissenschaftler, die zu den Kolonialplänen der Nationalsozialisten in Afrika forschte, schrieb schließlich das Vorwort zum o.g. Sachbuch. Darin heißt es: „Die Opfer selbst lesen die von den Zentren der Wohlhabenden veröffentlichte und weltweit verbreitete Literatur zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs und erkennen ihre eigene Geschichte darin nicht wieder. Die Journalisten und Journalistinnen, die diese Arbeit vorgelegt haben, geben den Sprach- und Stimmlosen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien nach so vielen Jahrzehnten erstmals eine wahre, echte, sensible und menschliche Stimme.“
Auf Grundlage seiner o.g. Arbeit wird der Verein recherche international e.V. im Anschluss an das Sachbuch und die Unterrichtsmaterialien eine Ausstellung zeigen, die im September 2009 in Berlin Premiere hat und im Anschluss durch 10 weitere Städte touren wird. AfricAvenir International e.V. wird begleitend zur Berliner Auftakt-Ausstellung ein interdisziplinäres Begleitprogramm mit dem Schwerpunkt „Afrika im Zweiten Weltkrieg“ organisieren, denn wir wollen, dass der Geschichtsdiskurs und die Erinnerungspolitik in Deutschland endlich die globale Perspektive mit einbeziehen: Alleine Indien stellte 2,5 Millionen Kolonialsoldaten, in China starben während des 2. Weltkrieges mehr Menschen als in Deutschland, Italien und Japan zusammen. Die durch Dauerbombardement am meisten zerstörte Stadt war nicht Dresden, sondern Manila.
Und Afrika? Zwei Millionen afrikansiche Kolonialsoldaten kämpften für die Alliierten - ein Großteil erst für Frankreich, als das Vichy-Regime mit den Nazis kollaborierte, fanden sich westafrikansiche Soldaten plötzlich unter deutschem Nazi-Kommando wieder. Schließlich mussten sie erneut mit den Franzosen kämpfen - auch in Europa. Die Wehrmacht verübte Kriegsverbrechen an afrikanischen Soldaten, Schwarze Menschen wurden in den KZs ermordet und die Nazis hatten schon alle Detailpläne zur Eroberung Afrikas ausgearbeitet. Was wissen wir eigentlich über unsere eigene Geschichte???
1 Der „Badischen Zeitung“ erschien das Buch ebenso „überfällig“ wie dem Züricher „Tages-Anzeiger“, „da es einem auf jeder Seite die Unzulänglichkeit unseres eurozentrischen Geschichtsbildes bewusst“ mache. Der Rezensent der „tageszeitung“ staunte, „wie vielfältig die Dritte Welt […] in das Kriegsgeschehen verwickelt war“, und ein Kritiker des Österreichischen Rundfunks bekannte, dass ihm „die vielfältigen Perspektiven dieses Buchs“ erst „die Dimension des Welt-Kriegs bewusst“ gemacht hätten. Die Berliner Literaturkritik erhob es zum „Handbuch für historische und aktuelle Zeitfragen“, weil es „zum Perspektivwechsel in der (europäischen und westlichen) Geschichtsbetrachtung“ herausfordere und die „Frankfurter Rundschau“ hoffte, dass sich nach diesem „enorm wichtigen Beitrag“ andere zu weiteren Arbeiten zum Thema würden „inspirieren“ lassen. Der Rezensent von „contraste“ schrieb, das Buch solle „in keiner öffentlichen Bibliothek fehlen“. Die „Militärgeschichtliche Zeitschrift“ sprach von einer „gelungenen Überblicksdarstellung der Vor- und Nach-Kriegsereignisse aus einem außereuropäischen Blickwinkel“, die „jedem zur Lektüre empfohlen“ sei. Und „Überblick“, die entwicklungspolitische Fachzeitschrift der evangelischen Kirche, empfahl, „für dieses spannend geschriebene Buchprojekt […] auch in Schulen und Universitäten um Leserschaft“ zu werben, damit bislang Versäumtes „mehr als ein halbes Jahrhundert später nachgeholt werde. (Die Rezensionen sind im Internet nachzulesen unter: www.assoziation-a.de/rezension/Unsere_Opfer_zaehlen_nicht.htm )
2 Die Zeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Berlin z.B. empfahl sie Lehrern und Lehrerinnen „unbedingt“ für den Einsatz im „historischen und politikwissenschaftlichen Unterricht“. Das Nürnberger Menschenrechtszentrum bezeichnete die Materialen als „das perfekte Werkzeug, um im Geschichtsunterricht und verwandten Fächern neue Perspektiven auf eine entscheidende Epoche des 20. Jahrhunderts zu werfen“. Und der Rezensent von „Entwicklungspolitik online“ schrieb: „Mit dieser Unterrichtshilfe können Lehrkräfte ihren SchülerInnen ein wesentlich genaueres Bild vom Zweiten Weltkrieg vermitteln, als es herkömmliche Schulbücher tun.“