Nachreichung eines Berichtes
Liebe Freund_innen, vor etwa zwei Wochen hatte ich angekuendigt, mit etwas mehr Zeit das Projekt "Tour Alteño" unseres Partners COMPA ein wenig naeher zu beschreiben. Hier folgt nun der Bericht:
Zum Kennenlernen einer unbekannten Stadt, die stets im Schatten ihrer Schwester La Paz steht, haben Tourist_innen die Moeglichkeit, an einer etwas anderen Stadtbesichtigung teilzunehmen. El Alto ist keine schoene Stadt in dem herkoemmlichen Sinne - aber eine Stadt, die, wie man so sagt, "etwas hat". Chaotische Baustile, chaotischer Strassenverkehr, Laerm und Gewuehle. Das ist der Eindruck, den Ankoemmlinge auf dem Internationalen Flughafen bekommen, wenn sie im Taxi oder Minibus einen kleinen Teil der Ceja, des wildesten Stadtteils durchqueren und ins deutlich gediegenere La Paz in ihre bequemen Hotels fahren. Ungerecht - denn El Alto, am 6. Maerz 24 Jahre alt geworden als selbstaendige Stadt, hat verborgene Kostbarkeiten aufzuweisen. Einige von diesen moechte COMPA mit der Tour Alteño zeigen.
Es beginnt mit einem Blick "von der Kante" auf La Paz. Die Hochebene endet, vor dir liegt der Abgrund. Das erste Haus unterhalb der Kante gehoert schon zu La Paz, die sich in den Talkessel schmiegt und die Haenge herauf- oder herunterkriecht, je nach Standpunkt. Weiter geht es ueber den groessten Obst- und Gemuesemarkt der Stadt, wo man Dutzende Sorten von Kartoffeln, Locotos und chilis verschiedener Schaerfegrade, Ocas und Papalizas, Papayas, Mangos, Tumbos und noch viel mehr bewundern kann, was in den verschiedenen Regionen Boliviens waechst. An einem besonderen Platz haelt man inne. Hier steht eine Christusstatue. Der Tourguide Marco erzaehlt, dass der Ueberlieferung nach unter dieser das Herz von Tupak Katari begraben liegt, der den ersten grossen Aufstand der Aymara gegen die spanischen Okkupanten anfuehrte. Er wurde gefangen und gevierteilt; und alle vier Teile seines Koerpers wurden in verschiedenen Gegenden begraben - das Herz an dieser Stelle. Deshalb gilt dieser Platz, Christus hin und Katholizismus her, den traditionellen Heilern als heilig. Folglich werden hier von den Yatiris die Zeremonien durchgefuehrt - auch fuer uns. Wichtige Bestandteile der "mesa" sind Kokablaetter, hochprozentiger Alkohol. Wir duerfen Koka und Schnaps auf die mesa streuen und uns im Stillen etwas wuenschen. Dann wird die mesa verbrannt und man hofft, dass "pachamama" - Mutter Erde - die Wuensche unterstuetzt von der spirituellen Macht des Yariri erfuellt....
Weiter geht es durch die lebhafte Ceja, das Handelszentrum El Altos, zu einem am Stadtrand gelegenen Distrikt, wo uns eine Baustelle erwartet: sie ist das schon futuristisch anmutende zweite Haus des COMPA, mit dem dieses Bildung und Kultur in eine Gegend bringt, in der viele nicht einmal Wasseranschluss und Strom haben. Hier empfaengt den Gast eine kleine Gruppe von Teatro Trono mit einer Theaterperformance und verabschiedet ihn spaeter mit einer Trommeldarbietung. Durch die Stadtteile Santiago Segundo und Nuevos Horizontes fuehrt der Rueckweg, auf dem Tomás, ein ehemaliger minero (Bergarbeiter) den Teilnehmenden vom "Krieg ums Gas" im Oktober 2003 erzaehlt, in dessen Folge der korrupte Praesident Sanchez de Lozada fluchtartig das Land verliess. Beide Stadtteile, getrennt durch die Avenida Bolivia, waren Zentrum dieser Auseinandersetzungen und sind zum ueberwiegenden Teil bewohnt von Familien, die aus den Minengebieten zugewandert sind.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen im COMPA werden die Besucher eingeladen, an einem interaktiven Theaterstueck teilzunehmen. Wir stolpern in den dunklen Saal, wo uns bunt gekleidete Menschen erwarten. Es ist der 11. Oktober 1594, ein Tag vor der "Entdeckung" Amerikas. Wir bekommen Ponchos uns Wollmuetzen, damit wir den Einheimischen aehnlich sind.... doch dann kommen die Spanier, nehmen uns die Kleidung weg und zwingen uns, in der Mine zu arbeiten. Wir bekommen Helme und Werkzeuge und muessen unter der Erde Mineralien aus dem Fels schlagen. Doch wir wehren uns, schliessen uns zusammen. Der Tod eines Kameraden fuerht dazu, dass wir den Minenbesitzer davonjagen. Das Lied "El pueblo unido" beschliesst eine aeusserst eindrucksvolle Stunde, in der ein Theaterstueck spielte, das keine Zuschauer, sondern nur Akteure hatte.
Dieses Stueck wird nicht nur fuer Touristen, sondern auch fuer Schulklassen aus El Alto, La Paz und ausserhalb angeboten als lebendiger Geschichtsunterricht, der ueberzeugender als jedes Schulbuch vermittelt, wie Geschichte und Gegenwart des Landes ineinandergreifen.
Fuer uns ein ueberaus ueberzeugender methodischer Ansatz, der insbesondere mich bestaerkt, das Projekt "Bus" mit aller Energie voranzutreiben!
Bis zum naechsten Mal viele Gruesse aus El Alto!
Adina Hammoud