3. Teil des Berichts: Gruppenarbeit mit den Frauen
Liebe Freundinnen und Freunde,
hier folgt nun der dritte Teil unseres Berichts ueber die 'Glueckstage 2009', den Erholungsaufenthalt fuer kriegstraumatisierte Kinder und Muetter im Juni dieses Jahres.
Ueber Fragen oder Rueckmeldungen freuen wir uns.
Herzlichst Gabriele Mueller und Kolleginnen
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Dritter Teil des Berichts:
Im Folgenden wollen wir nun die therapeutisch-pädagogische Gruppenarbeit mit Kindern und Müttern detailliert beschreiben. Sie fand ab dem 2. Tag des Erholungsaufenthalts täglich in parallelen Gruppen von 8.30 – 13.00 Uhr statt. (Nach 2 Stunden gab es eine halbstündige Pause). An drei der Regentage arbeiteten wir zusätzlich noch 2-3 Stunden nach der Mittagspause am Nachmittag weiter.
Am 11. Tag des Aufenthalts beendeten wir die Gruppenarbeit.
Gruppenarbeit mit den Frauen
Wie stets orientierten wir die therapeutische Gruppenarbeit an der psychodramatischen Strukturierung des therapeutischen Prozesses sowie am traumatherapeutischen Phasen-Modell u.a. nach Reddemann. Da wir uns der schweren Traumata mehrerer Frauen bewusst waren, legten wir den Schwerpunkt der Arbeit ausschließlich auf die Aspekte: Erarbeitung von Sicherheit und Vertrauen in sich und andere (die Gruppe / uns Leiterinnen) und Stabilisierung (Arbeit an Ressourcen, Selbstachtung, Kommunikation, Beziehungen und Gefühlen) sowie aktuelle Themen der Teilnehmerinnen.
Die Frauen waren von Anfang an sehr an der Gruppenarbeit interessiert, obwohl bisher nur zwei von ihnen Erfahrung mit solcher Art von Gruppenarbeit hatten. Der einerseits lockere und andererseits behutsame Ansatz gefiel ihnen und sie konnten sich auf die unterschiedlichen Übungen gut einlassen.
Am ersten Tag der Gruppenarbeit (16.06.09) stellten wir (Leiterinnen und Teilnehmerinnen) uns zunächst alle in einer Runde vor. Anschließend erarbeiteten wir (wie stets) gemeinsam die Regeln für die Gruppenarbeit. (Was brauche ich, damit ich mich in dieser Gruppe sicher und frei fühlen kann? Was möchte ich nicht, dass geschehen würde?) Jede schrieb ihre Gedanken zu diesen Fragen auf Zettel – ohne zu unterschreiben – damit sie so offen und ehrlich wie möglich sein konnte. Anschließend wurden die Zettel vorgelesen, gemeinsam diskutiert und schließlich Regeln formuliert, denen alle zustimmen konnten. Diese Übung erweist sich immer wieder als außerordentlich wichtig für die Entwicklung von Sicherheit und Vertrauen in der Gruppe.
Dann hatten die Teilnehmerinnen Gelegenheit, anhand von Symbolen ihre Wünsche und Erwartungen bzgl. des Erholungsaufenthalts zu formulieren. Die meisten wünschten sich körperliche und seelische Erholung, Entspannung, Entlastung und eine schöne sorgenfreie Zeit mit den Kindern. Von einigen wurden bereits konkrete Themen genannt.
Um gewünschte Themen für die gemeinsame Gruppenarbeit ging es dann in der nächsten Übung – wieder mit anonymen Zettelchen: Jede schrieb auf, über welche Themen sie gerne spreche würde. Zu welchen Themen sie gerne etwas lernen würde. Wieder sammelten wir die Themen auf einem Flip-Chart, eine Reihe von Themen konnten zusammengefasst werden unter ein Gesamtthema.
Anschließend stimmten die Frauen darüber ab, welche Themen sie besonders interessierten. Entsprechend der Abstimmung wurde dann die Priorität der Themen festgelegt. Eine große Themengruppe befasste sich mit der Beziehung zu den Kindern und Erziehungsfragen; eine andere mit konkreten existentiellen Fragen (Rente, Wohnung, Arbeit); eine dritte Themengruppe bezog sich auf Möglichkeiten der Selbstunterstützung, der Bewältigung von Problemen, der Kommunikation mit anderen u.ä. Wir erklärten den Frauen, dass wir ihre Themen in die Planung der Gruppenarbeit mit aufnehmen werden, dass wir aber auch noch zusätzliche Themen vorbereitet hätten, die für sie hilfreich sein könnten.
In der Abschlussrunde („Blitzlicht“) des 1. Arbeitstages äußerten alle Frauen, dass sie sich sehr gut fühlten und ihnen die Art der Gruppenarbeit zusagte. Alle waren während der gesamten 4 Stunden sehr konzentriert und hatten sich aktiv beteiligt.
Am zweiten Tag gaben wir den Teilnehmerinnen – nach dem morgendlichen „Blitzlicht“ (= wie fühle ich mich heute morgen, gibt es noch etwas vom Tag vorher, dass ich mitteilen möchte“) und einer Erwärmungsübung (Bewegung mit Musik) die Gelegenheit zum weiteren Kennenlernen. In der Übung „Mein Name“ konnte jede der Frauen die „Geschichte ihres Namens“ erzählen und diesen dann mit drei ihrer positiven Eigenschaften verknüpfen. Diese Übung war für manche der Frauen nicht einfach, da sie (bedingt durch die traditionelle patriarchale Erziehung und verstärkt durch traumatische Erfahrungen) ein eher negatives Bild von sich selbst hatten. Mit Unterstützung von uns Leiterinnen und den anderen Frauen in der Gruppe, gelang es dann doch jeder, mindestens drei ihrer positiven Eigenschaften zu erkennen und zu benennen.
Im Anschluss begannen wir die Arbeit am ersten von den Frauen gewünschten Thema: „Wie kann ich eine bessere Beziehung zu den Kindern erreichen – sie besser verstehen?“
Die Frauen tauschten sich aus über ihre Erfahrungen mit ihren Kindern – und (durch unser Nachfragen) auch über Erfahrungen, die sie als Kinder mit ihren Eltern oder Großeltern gemacht hatten. Sie wurden sich bewusst, dass Gewalt in der Erziehung langfristig immer einen Negativeffekt hat und die Beziehung zerstört. „Über alles kann man reden“, meinte eine der älteren Teilnehmerinnen mit schon erwachsenen Kindern. „Reden und Zuhören ist die beste Methode,“ bestätigte eine andere. Als Problem benannten die Frauen auch die Einmischung des gesamten Umfelds in die Erziehung – oder wenn Vater und Mutter sich nicht einig sind, oder sogar ihren Streit über die Kinder austragen. Die Frauen erkannten, dass das größte Problem in der Beziehung zu Ehemann und Kind/ern meist eine schlechte Kommunikation ist – und vor allem auch mangelnde gegenseitige Wertschätzung. Wir einigten uns, diesem Thema am nächsten Tag mehr Raum zu geben. Wir beendeten die Diskussion mit einem kurzen Theorie-Vortrag zum Thema: „Was benötigen Kinder um sich zu gesunden glücklichen Menschen zu entwickeln?“
Um die Frauen in ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Selbstachtung zu stärken, leiteten wir dann noch die Übung „Die Quellen meiner Kraft“ an. Jede Frau reflektierte für sich darüber, was sie als innere oder äußere Ressourcen erlebt, die ihr in schweren Momenten helfen oder ihr auch Glück und Zufriedenheit in ihrem Leben ermöglichen. Dann konnte jede aus einer Vielzahl von Steinen und Muscheln oder Glasmurmeln sowohl für sich selbst als auch für jede dieser Ressourcen ein Symbol auswählen, um sie zu repräsentieren. Anhand verschiedener Fragen von uns Leiterinnen, konnten die Frauen ihre ‚Bilder’ oder ‚Szenen’ durcharbeiten. Für fast alle war dies das erste Mal, dass sie von solch einem Blickwinkel aus auf sich selbst oder ihr Leben schauten. „Nach dieser Übung fühle ich mich wundervoll; es ist als ob ich mit ganz neuen Augen auf mich und mein ganzes Leben schaue. Auf einmal sehe ich, wie viel Stärke und Positives ich in meinem Leben habe und auch in mir selbst“, drückte es eine der Teilnehmerinnen aus.
Wir beendeten diesen Tag wie stets mit einem „Blitzlicht“, in dem die Frauen betonten, wie interessant und anregend sie diesen Gruppenarbeitstag empfunden hatten.
Am dritten Tag fuhren wir nach dem „Blitzlicht“ und einer Erwärmungsübung zur Selbstwahrnehmung mit der Übung „Quellen meiner Kraft“ fort.
Dann knüpften wir an die Themen des Vortages (Kindererziehung, Kommunikation) an und leiteten eine Paarübung zum Thema „Aktives Zuhören“ an: Alle Paare probierten sowohl eine Situation aus, in der die Partnerin nicht wirklich zuhörte und eine Situation, in der sie aufmerksam zuhörte. Dann wechselten sie die Rollen. In der Auswertung dieser Übung wurden den Frauen die Parallelen zu ihrem Alltag deutlich. Eine meinte: „Durch diese Übung ist mir aufgefallen, wie oft wir uns überhaupt nicht zuhören und wie schlecht man sich fühlt, wenn der andere nicht zuhört. Meist nehmen wir uns gar keine Zeit und Ruhe für ein richtiges Gespräch…“
Wir schlossen eine kurze Psychoedukation zu wesentlichen Aspekten von Kommunikation an (Aktives Zuhören, sich mitteilen, keine Generalisierungen oder Pauschalvorwürfe u.ä.).
In der anschließenden Diskussion über die theoretischen Ausführungen kamen wir zum Thema ‚Emotionen’. Häufig klappt ja die Kommunikation nicht, wenn starke Emotionen beteiligt sind.
Wir beschlossen, an einem der nächsten Tage zu diesem Thema ausführlicher zu arbeiten.
Diesen Arbeitstag schlossen wir mit einer einfachen Massage-Übung ab: Zuerst leiteten wir eine Gesichtsselbstmassage an und dann eine Partnerinnenmassage des Rückens, der Schultern und Arme. Die Frauen waren davon begeistert und genossen diese Übung. Offensichtlich war das Vertrauen in der Gruppe bereits beträchtlich, da sie sich auf eine solche Übung einlassen konnten, die ja viel Nähe bedeutet.
Im Blitzlicht bestätigten sie, dass sie sich sehr gut fühlten und ihnen die vier Stunden ‚wie im Flug’ vergangen seien.
Während der Erwärmungsübung zu Beginn des vierten Tages ‚Sich Begrüßen auf gewöhnliche und ungewöhnliche Weise’ fühlten sich zwei der Teilnehmerinnen während der Übung unangenehm und sagten dies in der anschließenden Runde. Wir nutzten diesen Anlass, um über die Themen ‚Bedürfnisse und Grenzen’ und ‚gesellschaftliche Normen’ zu sprechen. Wir setzten dies auch in Beziehung zur traditionellen Geschlechtsrollenerziehung. Es entspann sich ein intensives Gespräch über die Erfahrungen der Teilnehmerinnen als Mädchen, als Frauen und als Mütter. Es wurde deutlich, von wie viel Einschränkung und Gewalt die meisten von ihnen ihr ganzes Leben lang betroffen waren. In den Kriegserfahrungen kulminierte dann diese Kette von Missachtung, Ausbeutung, Erniedrigung und Gewalt.
Zur Stabilisierung nach diesem schmerzhaften Thema, leiteten wir dann die Imaginationsübung ‚Mein sicherer innerer Ort’ an. Nach der Imagination konnten die Frauen ‚ihren sicheren Ort’ zeichnen bzw. malen, um die Erfahrung der Übung noch stärker zu vertiefen und um in der Zeichnung eine Erinnerung zu haben. In der anschließenden Runde wurde deutlich, dass alle Teilnehmerinnen diese Übung als außerordentlich positiv und hilfreich empfunden hatten. Alle hatten sich völlig darauf einlassen können – was bei traumatisierten Menschen überhaupt nicht selbstverständlich ist.
Eine der Teilnehmerinnen, die als Überlebende eines Vergewaltigungslagers sehr schwer traumatisiert ist, beschrieb ihre Erfahrung so: „Mein sicherer Ort ist eine Insel, auf der ich vor 30 Jahren wirklich einmal war – eine Insel voller Blumen und wunderschöner Skulpturen. Ich habe mich da großartig gefühlt. Damit es ganz sicher dort ist, habe ich mir drum herum noch eine riesige Mauer und Stacheldraht vorgestellt, damit da wirklich niemand eindringen kann. Und dann habe ich mich zum ersten Mal seit all den Jahren entspannen können… Und jetzt fühle ich mich wunderschön!“
Alle Teilnehmerinnen konnten sich vorstellen, diese Übung für sich allein zu Hause zu machen – um sich zu entspannen, sich sicher zu fühlen oder einschlafen zu können.
Den fünften Tag widmeten wir nach der Blitzlichtrunde dem Thema „Gefühle“. Mit Hilfe der Übung „Landkarte meiner Gefühle“ wurden sich die Frauen des Zusammenhangs zwischen bestimmten Körpersensationen / -gefühlen und ihren Emotionen bewusst. Wir erarbeiteten die vier Grundgefühle Angst, Ärger /Wut, Trauer und Freude: typische Situationen, die diese Emotionen auslösen; Körpersensationen / -reaktionen; unser Umgang mit diesen Gefühlen und inwieweit wir mit dieser Art des Umgangs zufrieden oder unzufrieden sind. Zuerst arbeitete jede für sich. Anschließend teilte jede im Kreis ihre Erkenntnisse mit. Die Frauen empfanden diese Übung als sehr interessant und bemerkten, dass sie noch nie auf diese Weise über ihre Gefühle nachgedacht hätten.
Anschließend ließen wir die Frauen jeweils in Paaren das Thema erarbeiten: Welche Botschaften habe ich als Kind (oder Jugendliche) in meiner Familie und Umgebung bzgl. des Umgangs mit Gefühlen bekommen? Inwiefern waren diese Botschaften für mich als Mädchen anders als für Jungs in meiner Umgebung? Was haben diese Botschaften in mir bewirkt und inwiefern beeinflussen sie mich noch heute? Was würde ich dies bzgl. gerne ändern – auch im Hinblick auf mein/e Kind/er?
Die Erkenntnisse der Paare sammelten wir dann auf dem Flip-Chart und diskutierten sie im Hinblick darauf, welche Botschaften bzgl. des Umgangs mit Gefühlen die Frauen gerne heute ihren Kindern vermitteln würden.
Wir schlossen nun eine etwas ausführliche theoretische Einheit über Emotionen und Körperwahrnehmungen an: über den Sinn unserer Gefühle, Prozesse, die dabei im Körper ablaufen und warum, sowie über mögliche Strategien im Umgang mit Emotionen.
Wir streiften auch kurz die Themen „Transfer-Emotionen“ und starke Emotionen als Folge traumatischer Erlebnisse, vereinbarten mit den Teilnehmerinnen, diesem Thema (‚Psychologisches Trauma’) mehr Zeit an einem anderen Tag zu widmen.
In der Abschlussrunde dieses Gruppenarbeitstages äußerten sich die Frauen sehr zufrieden über die Arbeit am Thema Emotionen: „Dieses Thema heute war für mich sehr wichtig,“ bekräftigte eine von ihnen: „Bisher habe ich meine Gefühle – außer der Freude – eher als etwas Feindliches empfunden, etwas was ich entweder unterdrücken oder besser gar nicht haben sollte. Eure Erklärungen haben mir sehr geholfen zu verstehen, warum ich diese Gefühle habe. Das hat mich erleichtert. Und es war für mich sehr interessant den anderen zuzuhören, wie sie damit fertig werden, wenn sie wütend oder traurig sind oder so… Ich glaube, ich werde mich in Zukunft immer an heute erinnern und das wird mir helfen…“
Am sechsten Tag arbeiteten wir nach dem witzigen Erwärmungsspiel „Pinguine und Flamingos“ weiter zum Thema Stress und „Coping-Mechanismen“.
Nach einer kurzen theoretischen Erklärung zu Stress: auslösende Situationen, Körperreaktion und instinktive psychische Reaktionen und Mechanismen zur Überwindung von Stress, baten wir die Teilnehmerinnen in einem Brainstorming zu benennen, welches ihre Strategien zum Umgang mit Stress-Situationen sind. Diese Strategien sammelten wir auf dem Flip-Chart. Dann erklärten wir das BASIC Ph-Modell der Coping-Mechanismen und ordneten die von den Frauen genannten Strategien den verschiedenen Kategorien dieses Modells zu. Gemeinsam fanden wir dann noch zusätzliche mögliche Coping-Möglichkeiten, dabei schlossen wir auch unsere eigenen Erfahrungen ein.
Die Frauen waren überrascht, dass ‚ihre’ Strategien mit Stress fertig zu werden, in einem offiziellen Schema wieder zu finden. „Ich muss sagen, ich bin schon ein wenig stolz auf mich, das meine Art mit Schwierigkeiten fertig zu werden, offensichtlich gar nicht so verkehrt ist,“ meinte eine der Frauen ganz zufrieden „aber natürlich ist es auch gut, noch etwas Neues zu lernen!“
Wir gingen nun weiter zum Thema „Bedürfnisse und Grenzen“. Gemeinsam mit den Teilnehmerinnen erarbeiteten wir das Thema „Grundlegende menschliche Bedürfnisse“. Die Frauen beeindruckte es, dass neben den zum Überleben notwendigen Grundbedürfnissen auch das Bedürfnis nach Aktivität und Kreativität, nach (positiver) Macht und sogar nach Vergnügen zu den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen zählen. Offensichtlich eröffneten diese Informationen manchen von ihnen einen neuen Blickwinkel und gaben ihnen quasi die Erlaubnis, mehr für ihre eigenen Bedürfnisse einzutreten. Wieder führte uns die Diskussion zum Thema Erziehung – insbesondere Gechlechstrollen-Erziehung. Die Frauen sprachen darüber, wie wenig ihre Bedürfnisse als Mädchen für andere gezählt hatten: „Als ob Mädchen und Frauen eine andere Spezies Mensch wären, die keine eigenen Bedürfnisse haben sollten, alles wurde nur auf die Männer und Jungen ausgerichtet….“ erinnerte sich eine der Älteren. „Und das Traurigste war, dass meine Mutter das am allermeisten unterstützte. Ich war oft so wütend. Aber niemand wollte mich verstehen.“
Dann arbeiteten wir weiter zum Thema Grenzen.
In einer Übung ließen wir die Frauen den Begriff ‚räumliche bzw. physische Grenzen’ wahrnehmen.
Danach teilten sie ihre Empfindungen und Erfahrungen mit der Gruppe.
In der anschließenden Theorie-Einheiten vermittelten wir die Definitionen für räumliche / physische und psychische Grenzen. Wir erklärten die Konsequenzen von Grenzverletzungen insbesondere durch Gewalt und gingen auf die Bedeutung gesunder Grenzen gerade auch in der Beziehung zu Kindern ein. Wir erklärten die Unterschiede zwischen ‚starren / rigiden Grenzen’, ‚fehlenden oder labilen Grenzen’ und ‚klaren aber auch flexiblen Grenzen’. Die Frauen folgten diesen Erklärungen mit großem Interesse, stellten viele Fragen und beteiligten sich lebhaft am Gespräch.
Da es an diesem Tag ununterbrochen regnete, boten wir der Gruppe an, dass wir nach der Mittagspause die Gruppenarbeit noch für 2-3 Stunden fortsetzen könnten, was die Frauen sehr gerne annahmen.
In der Nachmittagseinheit leiteten wir die Übung ‚Soziales Atom’ / bzw. ‚Das Netzwerk meiner sozialen Beziehungen’ an. Durch diese Übung war es den Teilnehmerinnen möglich, einen Überblick über Anzahl und Qualität ihrer aktuellen Beziehungen zu bekommen und sich über evtl. Veränderungswünsche bewusst zu werden. Jede Frau hatte Gelegenheit, ihr ‚Soziales Atom’ der Gruppe vorzustellen und mit Hilfe der Fragen von uns Leiterinnen weiter zu bearbeiten. Die Frauen waren mit voller Konzentration dabei, schrieben, zeichneten, dachten intensiv nach und betonten in der Abschlussrunde nach drei Stunden intensiver Arbeit, dass sie von dieser Übung begeistert seien, von der Möglichkeit, einen so klaren Überblick über ihre Beziehungen, Distanz und Nähe, Probleme und Veränderungswünsche zu bekommen. Die meisten Frauen erkannten, dass ihr bisheriges Bild von ihren Beziehungen überhaupt nicht der Realität entsprach: wie es traditionell üblich ist, hatten sie ihre Verwandtschaftsbeziehungen als näher eingezeichnet als z.B. Freundschaftsbeziehungen. In der Bearbeitung ihres ‚Atoms’ hatten sie dann jedoch festgestellt, dass dies zwar vielleicht den gesellschaftlichen Normen, aber nicht der Realität und auch nicht ihren Gefühlen entspricht. Sie stellten fest, dass sie bedeutend mehr Unterstützung von FreundInnen bekamen als von ihrer Verwandtschaft oder Ursprungsfamilie. Gleichzeitig erkannten sie die Quelle vieler Frustrationen: Ihre Energien und Wünsche auf die ‚falschen Personen’ zu richten, anstatt wertzuschätzen, was sie von den FreundInnen bekamen.
Am siebten Tag begannen wir mit dem witzigen Rollenspiel ‚Zauberstab’, in dem die Teilnehmerinnen in immer wieder andere ‚Tiere’ verwandelt werden. Dabei bekommt jede einmal den Zauberstab und wird zur Zauberin. Die Frauen hatten damit viel Spaß.
Dann leiteten wir die Übung ‚Kampf um die Socken’ an, eine Selbstbehauptungsübung, in der jede Frau ein Paar Socken bekommt, die sie anzieht. Die Teilnehmerinnen haben nun die Aufgabe, die eigenen Socken zu schützen und möglichst anzubehalten, gleichzeitig aber so viele Socken wie möglich von den anderen zu klauen. Für den Notfall (falls sich eine Frau zu sehr bedrängt fühlt) machten wir ein Signalwort aus – dies ist insbesondere in der Arbeit mit traumatisierten Menschen wichtig, da unabsichtlich immer ein ‚Trigger’ = Erinnerung an die traumatische Situation berührt werden kann. Dann ging es los.
Es war unglaublich, wie manche der Frauen kämpfen konnten, wir waren voller Bewunderung. Zwei der Teilnehmerinnen gaben allerdings sehr rasch auf. Doch insgesamt hatten alle großen Spaß.
Anschließend evaluierte jede die Art und Weise, wie sie sich behauptet hatte, welche Strategien sie benutzt hatte; ob ihr diese aus ihrem Alltag bekannt waren oder sie etwas Neues ausprobiert hatte; ob sie mit ihrem Resultat zufrieden war und ähnliches. Eine der Teilnehmerinnen, die am Anfang der Gruppenarbeit sehr still und zurückgezogen war, hatte sich als wahre Löwin entpuppt. Sie meinte lachend: „Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich so gekämpft habe. Das hab ich hier gelernt: dass ich für mich kämpfen muss und nicht darauf warten, dass jemand bemerkt, dass ich etwas brauche.“ Aber auch anderen wurde durch diese Übung bewusst, dass sie kämpfen können und stark sind, bzw. dass sie in Zukunft nicht so schnell aufgeben wollen.
Anschließend gingen wir weiter zum Thema ‚Trauma und Gewalt’.
Wir gaben den Frauen zuerst grundlegende Informationen zu Trauma (Was ist ein traumatisches Ereignis? Wie reagieren wir darauf? Was bedeutet Trauma? Welches sind die typischen Symptome, bzw. Traumafolgen? Und: was ist hilfreich zur Überwindung eines Traumas?) Die Frauen waren an diesem Thema sehr interessiert, wenn auch zu sehen war, dass bei manchen innerlich ‚Filme abliefen’. Wir schlossen sie daher immer wieder durch Fragen ins Gespräch ein.
Da es auch an diesem Tag ständig regnete und die Gruppe sehr motiviert war, an diesem Thema weiterzuarbeiten, setzten wir die Arbeit am Nachmittag fort.
Nach der Mittagspause arbeiteten wir weiter in der Runde: Jede Frau (die sich bereit fühlte) konnte mitteilen, welche Aspekte unserer Ausführungen am Vormittag zu ‚Trauma’ sie bei sich selbst erkannt hatte. Alle Frauen hatten sich mehr oder weniger in den Erklärungen wiedergefunden. Insbesondere schilderten sie, an welchen Symptomen sie litten und waren besonders interessiert am Thema „Selbsthilfe
Anschließend gaben wir noch einige theoretische Erklärungen zum Thema ‚Gewalt’. Einige der Frauen sprachen sehr offen über eigene Gewalterfahrungen in der Ehe. Schließlich gingen wir noch auf das Thema ‚Gewalt an Kindern’ ein.
Zum Abschluss der Gruppenarbeit des Tages leiteten wir dann noch die kombinierte Körperwahrnehmungs- und Imaginationsübung ‚Freude, die mein Körper mir schenkt’ an, die den Frauen außerordentlich gut gefiel.
Den achten Tag begannen wir nach dem Blitzlicht mit der Imaginationsübung ‚Mauer’ – einer Übung in der es um unsere Strategien zur Überwindung von Hindernissen bzw. zur Bewältigung von Problemen oder auch um unsere grundsätzliche Einstellung zum Leben geht. Eine der Teilnehmerinnen brach die Übung vorzeitig ab, da sie sie zu sehr an ihre traumatische Erfahrung im Lager erinnerte. (Wir weisen die Frauen immer zu Beginn jeder Übung darauf hin, dass sie gut für sich sorgen sollen und wenn sie bemerken, dass sie unruhig werden, bzw. die Übung ihnen nicht gut tut, die Übung jederzeit abbrechen können.)
Nach der Imagination hatten die Frauen die Möglichkeit, ‚ihre Mauer’ zu zeichnen. Anschließend boten wir der Gruppe die Möglichkeit an, ihre Bilder ‚auf die große Psychodramabühne zu bringen’ und sie psychodramatisch weiter zu bearbeiten. Drei Frauen waren sofort dazu bereit, was deutlich machte, wie sehr sich die Gruppe untereinander verbunden hatte und wie viel Vertrauen zwischen den Frauen gewachsen war.
Die Protagonistinnen nutzten jeweils die gesamte übrige Gruppe, um ihre Bilder von ‚ihrer Mauer’ darzustellen. Mit den psychodramatischen Techniken ‚Interview’, Rollentausch und Spiegeltechnik erarbeiteten die Protagonistinnen ‚ihren Weg durch die Mauer’. Für alle drei eröffneten sich durch die Psychodrama-Inszenierung neue Blickwinkel und Erkenntnisse, die dazu führten, dass sie die Mauer, die ihnen während der Imagination unüberwindlich vorkam, schließlich überwanden bzw. durch sie hindurchgingen. Auf jedes Spiel folgten die Feedbacks der Mitspielerinnen aus ihren Rollen, die der jeweiligen Protagonistin noch zusätzliche Aspekte aufzeigten, sowie daran anschließend die Sharings (Sharing = miteinander teilen) der Frauen, die sich durch das Spiel an eigene Erfahrungen erinnert fühlten oder ihre Gefühle mitteilen wollten. In die Sharings schlossen auch wir uns ein.
Nach diesen drei Inszenierungen waren auch die übrigen Teilnehmerinnen interessiert, ihre Bilder auf die Bühne zu bringen – wenn auch teilweise mit einigen Ängsten. Wir betonten erneut, dass jede das für sich entscheiden kann.
In der Runde am Ende der Vormittagseinheit war neben der Müdigkeit durch die intensive Arbeit eine große Verbundenheit unter den Frauen zu spüren. Eine der Frauen drückte es so aus: „Ich möchte mich bei Euch (den drei Protagonistinnen) bedanken für Euren Mut und die Bereitschaft, all das mit uns zu teilen. Eure Szenen haben mich tief berührt und mir Mut gemacht, das auch zu versuchen.“
Da leider das Wetter noch immer sehr schlecht und die Gruppe sehr motiviert war, an den ‚Mauern’ weiterzuarbeiten, entschieden wir uns, auch an diesem Tag noch den Nachmittag für die Gruppenarbeit zu nutzen. Weitere drei Frauen inszenierten ihre Bilder. Mit jedem Bild wurde die Atmosphäre in der Gruppe dichter und die Frauen konnten sich mehr und mehr öffnen.
Auch am neunten Tag arbeiteten wir weiter an den restlichen Bildern. Schließlich war sogar die Teilnehmerin bereit, ‚ihre Mauer’ auf die Bühne zu bringen, die die Imaginations-Übung hatte abbrechen müssen. Mit Unterstützung der gesamten Gruppe gelang es ihr auf der Bühne am Ende, die ‚Mauer’ zu überwinden. Dies war für sie eine wahre Katharsis und Befreiung. Nicht nur sie selbst sondern auch viele der anderen Frauen weinten, da sie alle die Szene sehr intensiv miterlebten.
Und als ob der Himmel das seine dazutun wollte, strahlte an diesem Tag die Sonne und schenkte den Frauen einen wunderschönen Nachmittag am Strand und noch dazu die Bootsfahrt.
Am zehnten und letzten Tag der Gruppenarbeit leiteten wir – nach einem Tanzspiel zur Erwärmung – die Übung ‚Lichtkreis’ an – ebenfalls eine Übung zur Selbstunterstützung, die die Frauen für sich zu Hause nutzen können, wenn sie Unruhe spüren oder auch als Hilfe beim Einschlafen. Auch diese Übung gelang den Frauen und sie fühlten sich danach sehr gut.
Dann gingen wir weiter zur Evaluation der Gruppenarbeit. Zunächst schrieb jede der Frauen einen ‚Brief an mich selbst’, in den sie – vor dem Hintergrund der Erfahrung der 10tägigen Gruppenarbeit – all dies schreiben konnte, was sie in schwierigen Situationen in ihrem Alltag unterstützen und ermutigen könnte. Die Frauen schrieben konzentriert und intensiv.
Als nächstes füllte jede die kurzen schriftlichen Fragebögen für die offizielle Evaluation aus.
Anschließend zog noch jede Frau eine ‚Kraftkarte’ – ebenfalls als Unterstützung. Und schließlich hatten die Frauen Gelegenheit, sich an ihre anfänglichen Wünsche bzgl. des Erholungsaufenthalts zu erinnern und den anderen mitzuteilen, was sie von der Gruppenarbeit für sich mitnehmen.
Damit schlossen wir die Gruppenarbeit mit den Frauen während des Erholungsaufenthalts ab.
Arijana Catovic, Nurka Babovic, Amina Vrana, Adisa Adzem und Gabriele Mueller