12. Auszug aus dem Kältebustagebuch 2009/2010
25. März 2010
Meine letzte Nacht
Es ist schon ein etwas komisches Gefühl, zum letzen Mal in dieser Saison in die Nacht hinauszufahren, zumal das Thermometer in dieser Nacht 14° anzeigt. Katja – meine Kältebus-Partnerin in dieser Nacht – und ich erwarteten angesichts der milden Temperaturen eine ruhige Nacht und so fuhren wir zunächst in den kleinen Park im Wedding und besuchten Thomas und Michaela, die bereits ihren zweiten Winter unter freiem Himmel verbringen.
Durch die engagierte Nachbarschaftshilfe eines Seniorenzentrums im Wedding hatte Thomas die Möglichkeit, zum ersten Mal nach 18 Monaten (!) ein heißes Wannenbad zu nehmen, frisch gewaschene Kleidung anzuziehen und frisch rasiert und nach einem gespendeten Friseurbesuch in einem Restaurant eine warme Mahlzeit in Begleitung zweier Kältebusfahrer einzunehmen.
Kein Mensch, für den es selbstverständlich ist, in einer eigenen Wohnung zu leben, kann sich vorstellen, was das für Thomas bedeutet haben mag. Das eigentliche Wunder aber war, dass Thomas sich wieder als Mensch unter Menschen fühlte und dadurch Mut bekam, seinem Leben eine neue Wendung zu geben!
An diesem Vormittag, der ihn emotional sichtlich bewegte, machte er nach 18 Monaten zum ersten Mal persönliche Angaben, die es den Mitarbeitern ermöglichten, Kontakt mit einer Rechtsanwältin aufzunehmen, die für Thomas bereits eine Betreuung ausübte. Dieser Kontakt führte dann wiederum zu einem Treffen zwischen Thomas, beiden Kältebusfahrern, der Betreuerin und dem sozialpsychiatrischen Dienst mit dem Ergebnis, dass für Thomas die Unterbringung in einer betreuten Wohnform in unmittelbarer Nähe des kleinen Parks angestrebt werden kann. Michaela hingegen misstraut noch immer den Menschen. Sie lehnt fremde Hilfe ab. Daher hoffen die Beteiligten auf einen Sinneswandel, wenn sie die verbesserten Lebensbedingungen von Thomas hautnah miterlebt, denn er wird auch in der betreuten Wohnform weiterhin an ihrer Seite sein können. Das Ende dieser Entwicklung ist noch offen, aber der Prozess ist bislang bereits ein kleines Wunder oder um mit Kältebusfahrer Arturs Worten zu sprechen: „...man kann schon von Gottes Gnade sprechen!“
Vor Beginn der Fahrt gab uns Wolfgang – Kältebusfahrer der ersten Stunde – einige Tipps zu Örtlichkeiten, bei denen es sich lohnt, in einer ruhigen Nacht dort hinzufahren. Wir sprechen hier natürlich von Orten, an denen sich häufig wohnungslose Menschen aufhalten. Da Katja sich nach ihren Touren mit Christoph einige Orte gemerkt hatte und ich mich nach dieser Kältesaison auch bereits gut auskannte, fanden wir uns bekannte Menschen und hatten in dieser Nacht gute Begegnungen und anrührende Gespräche.
So trafen wir in dieser Nacht im Bereich der Revaler Straße zwei polnische und einen kasachischen Obdachlosen, denen wir heißen Tee anboten, den sie trotz der frühlingshaften Temperaturen gerne annahmen. Wir kletterten im Schein unserer Taschenlampen in einem verlassenen Abbruchhaus bis unter hoch das Dach und legten auf die momentan verlassenen Deckenlager mehrerer uns bekannter wohnungsloser Menschen einen Gruß in Form von Schokolade und Keksriegeln.
Am Wannsee fuhren wir bis zum Anleger der Ausflugsdampfer und sahen zunächst nur ein paar ausgelassene Party-Kids. Während wir dann aber mit dem Kältebus eine große Runde am Rande der Büsche drehten, erspähten Katja und ich gleichzeitig eine große Plane, unter der sich jemand zu befinden schien. Wir hielten an, stiegen aus und näherten uns dem Bündel aus Planen und Decken und nachdem wir uns als Kältebus zu erkennen gaben, lüftete sich die Plane und zwei Punks streckten die Köpfe heraus. Wir redeten ein bisschen miteinander, verteilten heißen Tee und Keksriegel und wünschten den beiden eine gute Nacht.
Obwohl ich seit einem Jahr nicht mehr rauche, habe ich vollstes Verständnis für alle Raucher und habe während meiner nächtlichen Einsätze immer ein Päckchen Tabak dabei, das ich gegebenenfalls anbiete. Das ist eine gute Brücke, um ein Gespräch zu beginnen und für jeden Raucher, der auf dem Trockenen sitzt ein kleines Highlight. So auch für einen der beiden Punker, der sich gerne eine Zigarette drehte, die er sich aber hinters Ohr schob um sie sich für den nächsten Morgen aufzuheben. Den letzten Tee dieser Nacht bekam Wilfried, der in einem kleinen Einmannzelt auf einer verwahrlosten Brache inmitten eines Häusermeers campierte und der uns im Verlauf eines intensiven und netten Gesprächs erzählte, dass er jetzt erst einmal sein Englisch auffrischen würde, um dann nach Indien zu reisen. Die Hoffnung stirbt zuletzt...
Nachdem wir eine ausgiebige Runde durch den Bahnhof am Alexanderplatz gedreht, freundliche Gespräche mit den Servicemitarbeitern der Deutschen Bundesbahn geführt, aber keine wohnungslosen oder hilfebedürftige Menschen gefunden hatten, erwartete uns am Kältebus ein junger, leicht erregbarer Obdachloser mit den Worten: „Da seid ihr ja, jetzt könnt ihr mich mal zur Lehrter Straße fahren“. Wir erklärten dem jungen Mann, dass wir weder Shuttlebus noch Taxi seien und wir ihn durchaus in der Lage sehen, die drei Haltestellen auch mit der S-Bahn zu fahren. Das sah unser Gesprächspartner aber völlig anders und wir führten eine eher fruchtlose Diskussion, die damit endete, dass der junge Mann erbost und aggressiv schimpfend seiner Wege zog und wahrscheinlich kein gutes Haar am Kältebus und seiner Besatzung ließ...
Gegen 3 Uhr holten wir dann noch einen Gast aus der Nähe des „Warmen Ottos“ ab [Anmerkung der Redaktion: Dort hatte die Stadtmission wegen Überfüllung in der Lehrter Straße eine weitere Notübernachtung geöffnet.], der dort nicht bleiben konnte, weil er Hausverbot hatte. Da er sich wohl kurz bevor wir eintrafen noch einen "Schuss" gesetzt hatte, bekamen wir ihn erst gar nicht richtig wach, konnten ihn dann aber schlussendlich doch noch mitnehmen. Mit der Übergabe dieses Gastes an die ehrenamtlichen Kollegen des Nachtdienstes der Notübernachtung beendete ich meine letzte Nacht als Kältebusfahrer in dieser Saison.
Vielen Dank und herzliche Grüße an all die vielen ehrenamtlichen und hauptberuflichen Helfer und Kollegen der Notübernachtung und des Kältebusses. Es war eine sehr schöne und berührende Saison mit Euch und ich bedanke mich für die guten Gespräche, Tipps und gemeinsamen Gebete.
Unseren Gästen wünsche ich, dass Sie den gleichen Mut wie Thomas finden und vielleicht auch einen neuen Weg einschlagen, aber auf jeden Fall, dass Sie gut durch den Sommer kommen!
- Dirk Trost, ehrenamtlicher Kältebus-Fahrer