S. Jörg
recommends this project with his on site report
over 3 years ago
Ich bin gegen die Förderung dieses Vorhabens, aus denkmalpflegerischen und aus ethischen Gründen. Zur Begründung: Interessant finde ich es zunächst einmal, wie der kleine Irrtum im Schreibenden oben ein „Freudsche Versprecher“ ist: Der Verein schreibt: „Die Zifferblätter und Zeiger der vier Turmuhren sind durch die Bombardierung von 1944 komplett zerstört worden und werden wieder neu errichtet.“ Offensichtlich aber kann man Zifferblätter nur nachfertigen, nicht aber „neu errichten“. Hier scheint bei dem Schreibenden bereits ein Bewusstsein vorhanden zu sein, was für eine Tragweite mit dem ganzen Projekt hier vorliegt: Das „neu Errichten“ hat etwas Problematisches. Der Zweite Weltkrieg war eine entsetzliche Zeit. Die Erinnerung daran geht schrittweise verloren. Doch können die Spuren dieser unvorstellbaren Vernichtung, die heute noch im Stadtbild und an den Bauten ablesbar sind, wertvolle Zeugnisse sein, dieses Grauen vor Augen zu führen. Wenn man also den Turm hier „neu errichtet“, so ist dies ein weiterer Schritt hin zum Vergessen. Die Parochialkirche in Berlin ist eines der wenigen Bauwerke, das Zerstörung noch ablesbar macht, aber trotzdem seine Würde behalten hat – so wie die Klosterkirche, die nicht zufällig ganz nahe steht, da die Zeugnisse der Zerstörung, die sprechend sind, schon in der Vergangenheit nicht im eigentlichen Zentrum, sondern nur hier, etwas abseits, geduldet wurden. Ich sehe den Wert der Parochialkirche einerseits in ihrem noch erkennbaren barocken Gestaltungswillen, andererseits aber in der Beschädigung dieses Wertes. Das ist eine sprechende Beschädigung, sie sagt uns etwas. So ist das „Schrottkreuz“ in der Kirche, das der bedeutende Metallkünstler und Photograf Fritz Kühn im Kirchenraum aufhing, ein solches hochrangiges Kunstwerk, das Zerstörung und den Willen zum Neuen – zum Leben – in einem Ausdrückt. Gleichzeitig, also ohne die zerstörersieche Vergangenheit (ihren „Schrott“!) zu leugnen! In den 1950er Jahren, als die Zerstörungen noch überall greifbar waren, ging man differenzierter mit Ihnen um, als heute, so scheint mir. Einerseits wollte man ins Neue schreiten und tat dies auch in sehr mutiger Form. Wenn Egon Eiermann auf dem Darmstädter Gespräch 1951 sagte: „Je mehr ich also in die Zukunft schreite, je mehr ich blind an sie glaube, um so besser wird sie sein...“, dann werden wir diese Aussage heute nicht mehr teilen, aber doch verstehen, wie man damals dachte. Der Städtebau um die Marienkirche in Berlin ist ein Zeugnis davon, obgleich später fertiggestellt. Anders als heute glaubte man in Deutschland nach dem Krieg weniger daran, dass man durch das Neuerrichten immitiert historischer Bauwerke etwas wieder heil machen könne, das zerstört worden war. Mir scheint sogar, dass man in der Nachkriegszeit ethisch genauer nachgespürt hat, dass man so etwas nur ganz selten darf. Heute sollte man es nicht mehr tun, da diese Zeugnisse so rar geworden sind. Auch wurden echte Zeugnisse der mutigen Neugestaltung, wie der Palast der Republik oder das Ahornblatt auf durchaus brutale Weise zerstört, jetzt aktuell, nicht durch Bomben in einem Krieg, sondern durch bewusste Entscheidungen eines Parlaments oder einer Behörde. Gleichzeitig werden nun Werke, wie das Stadtschloss, das unwiederbringlich ist, in seiner Fassade zu einer Show werden. Das hat nichts mit Denkmalpflege zu tun, da Denkmalpflege, so wie Karl Friedrich Schinkel und Georg Dehio sie theoretisch durchdacht haben, meint, wirkliche Geschichtszeugnisse mit all ihren vielen Aussagen zu bewahren. Also als komplexe, nicht als zurechtgemachte Werke. Diese Gedanken der Zeit von um 1800 (Schinkel) und von um 1900 (Dehio) sind auch heute, nach 2000 noch richtig, das ist unsere deutsche Hochkultur, auf die wir aufbauen, nicht aber Verdrängung von dem Schrecklichen, was diese Kultur dann in der NS-Zeit auch hervorbrachte und nicht diese Beschränkung der Historischen Vielfalt zugunsten einer 0815-Historizität. Ein jetzt gebauter Turm auf der Parochialkirche hätte entweder erkennbar zeitgenössische Formen zu haben, oder aber – zu unterbleiben!