Besuch im Projektgebiet
Liebe Projektunterstützer/innen,
vor drei Tagen bin ich aus dem Projektgebiet in den Dörfern Sumbiling und Taratak im Süden der philippinischen Provinz Palawan zurück gekommen. Drei Tage war ich vor Ort und ich kann sagen, dass sich der Besuch trotz aller Strapazen doch sehr gelohnt hat. Wenngleich wir monatliche Projektberichte von unserer Partnerorganisation erhalten, ist es doch etwas ganz anderes mit den Menschen vor Ort selbst in Kontakt zu kommen und ihre Erfahrungen im Projekt zu hören und auch zu sehen.
Unsere Fahrt ins Projektgebiet dauerte sage und schreibe 7 Stunden, in denen wir ganze 250 Kilometer zurücklegten. Ziehen wir die Stunde Mittagspause ab, so müssen wir feststellen, dass wir mit gerade mal 40km/h unterwegs waren. Der Highway ist leider noch immer nur abschnittweise zementiert. Dazwischen liegen große Distanzen Staubpiste. Immerhin sind inzwischen alle Brücken bis Rio Tuba gebaut, so dass man nicht mehr durch die Flüsse fahren muss, außer ganz am Ende der langen Reise. Etwa einen Kilometer vor dem Dorf muss man durch den Sumbiling-Fluss fahren. Zum Glück hatte es an dem Tag nicht geregnet, so dass der Wasserstand in der Furt niedrig war. Letztes Jahr hatte ein Projektmitarbeiter 5 Tage lang im Dorf ausharren müssen, bevor der Fluss wieder passierbar war. Die Kinder konnten in dieser Zeit die nahegelegene Schule nicht erreichen.
Auf unserer Fahrt in den Süden passierten wir mehr und mehr Ölpalmplantagen. Leider verpachten immer mehr Bauern ihr Land an die großen Palmölkonzerne. Wenn sie es nach 20 Jahren zurück bekommen, werden sie feststellen, dass der Boden komplett mit Pestiziden verseucht ist und sie dort keine Nahrung mehr anpflanzen können. Auch passierten wir zwei große Nickeltagebaue, die noch immer hier operieren dürfen. Die Wunden im Bergregenwald werden größer, die rote Erde der entwaldeten Flächen immer sichtbarer. Hatte man vor 15 Jahren noch die Indigenen Einwohner im Blick als es darum ging, den Regenwald vor der traditionellen Brandrodungstechnik zu bewahren, so muss man heute doch feststellen, dass die Schäden am Ökosystem Peanuts waren im Vergleich zu dem was die Bergbaufirmen jetzt anrichten. In einer viel kürzeren Zeitspanne verursachen sie Millionen mal größere Schäden, die noch dazu irreparabel sind.
Als wir in Sumbiling ankamen, war der schmale Wasserbüffelweg von der Furt zum Dorf sehr aufgeweicht. Wahrscheinlich hatte es noch am Vortag geregnet. Viele kleine Schlammlöcher reihten sich aneinander. Das Auto war schwer beladen mit dem reparierten Stromgenerator, zwei Handtraktoren, vielen Schaufeln und anderen Materialien für das Projekt. Nur etwa 200 Meter vor dem Dorf steckten wir dann mit den Hinterrädern im Schlamm fest, in dem wir auch gleich knietief versanken als wir ausstiegen. Es dauerte gut eine Stunde, bis wir das Auto entladen und genug Holz und Steine zusammen gesammelt hatten, so dass das Auto wieder frei kam. Es versteht sich von selbst, dass wir anschließend ein Bad benötigten. Fotos werde ich morgen im Laufe des Tages in die Bildergalerie hoch laden.
Als ich dann im Dorf ankam, sah ich zuerst das Schulungszentrum, das wir 2010 über dieses Projekt mitfinanziert hatten. Es ist wirklich ein wunderschönes Gebäude und sieht noch aus wie nagelneu. Die Dorfbewohner kümmern sich wirklich gut um das Zentrum. Sie nutzen es größtenteils für die Schulungen im Rahmen des Projektes, aber manchmal auch als Schulgebäude, weil die Schule ja nur ein Zimmer für 3 Klassen hat und es finden die regelmäßigen Dorfversammlungen darin statt. Für die Projektmitarbeiter/innen gibt es jetzt zwei kleine Kammern mit jeweils einem Doppelbett (leider ohne Matratze. Es schläft sich sehr hart, wie ich feststellen musste). Durch das Problem mit dem festgefahrenen Auto hatten wir leider sehr viel Zeit verloren, so dass es bald dunkel wurde (18.30 Uhr). Mir bleib gerade noch genug Zeit, das Wasserfass für die Dusche zu füllen. Wie oft ich von der Pumpe zum Fass gelaufen bin, weiß ich nicht mehr, aber es reichte, um komplett durchgeschwitzt zu sein.
Am zweiten Tag fand eine große Versammlung von mehr als 80 Teilnehmer/innen der Schulungsmaßnahmen im Projekt statt. Zwanzig von ihnen waren eine Woche vorher auf Study-Tour gewesen und hatten sich 4 verschiedene Modellfarmen angeschaut, die nach ökologischen Kriterien, d.h. ohne chemische Düngemittel und Pestizide, arbeiten. Sie berichteten den anderen Projektteilnehmer/innen stolz davon, wie gut der Anbau auf diesen Farmen funktioniert. Später berichtete mir Beatrix, die Leiterin der landwirtschaftlichen Schulungen, dass viele Einwohner sehr skeptisch gewesen waren, dass die in den Schulungen vermittelten Techniken tatsächlich Erfolg bringen. Die Study-Tour war also eine sehr hilfreiche Projektkomponente. Sie wollen das gern wiederholen, mit noch einmal 20 Teilnehmer/innen, brauchen dafür aber zusätzliches Geld, da im Projektbudget nur eine Tour vorgesehen war. Ich werde diesen Bedarf hier auf Betterplace einstellen.
Anschließend wurden die zwei aus dem Projektbudget erworbenen Handtraktoren an die Dorfgemeinschaften aus Sumbiling und Taratak übergeben. Die Schaufeln und Breithacken wurden zunächst erst einmal deponiert. Dazu findet am 3. Februar eine Versammlung statt, auf der festgelegt wird, wer welche Gerätschaften erhalten und wer in den nächsten Wochen dann einen Wasserbüffel bekommen wird. Gidor, der Projektleiter, stellte in 18 Punkten die Kriterien für die Vergabe vor. Wichtige Voraussetzungen sind u.a. die aktive Mitarbeit in der Bürgerinitiative zur Rettung des Bulanjao-Berglandes, die Bearbeitung von mindestens 1,5 Hektar Land und Schuldenfreiheit (damit der Wasserbüffel nicht als Schullast abgegeben wird). Außerdem darf die Familie noch keinen Wasserbüffel besitzen, denn zuerst sollen die Familien vom Projekt profitieren, die bislang über sehr wenig besitz und demzufolge auch sehr geringes Einkommen verfügen. Abschließend fragten einige Dorfbewohner/innen, ob es möglich ist, aus dem Projektbudget mehrere kleine Wasservorratsbecken an den Kreuzungen der Bewässerungskanäle der Reisfelder zu bauen. Vorgesehen waren eigentlich nur zwei große Wasserbecken für jeweils 5 Familien. Wir kamen überein, dass für den Fall, dass diese zwei großen Becken nicht das vorgesehene Budget komplett aufbrauchen, die verbleibenden finanziellen Mittel zum Bau der kleinen Wasserbecken verwendet werden können.
Nach der Versammlung begab ich mich auf Besichtigungstour durch das Dorf. Zunächst besichtigte ich die Reismühle und machte Fotos vom neuerworbenen Generator. Anschließend liefen wir zum Feld von Jeminda, der aktuellen Präsidentin der Bürgerinitiative. Dazu mussten wir erneut durch den Sumbiling-Fluss waten und dann zwischen den Reisfeldern auf mehreren kleinen Dämmen balancieren. An ihrem Haus angekommen, zeigte sie mir die neu errichtete Wurmkompostanlage. Sie hat bereits mehrere Säcke Kompost geerntet, wirklich sehr guter Dünger. Sie will den Kompost um eine zweite Kammer erweitern, damit ihr Nachbar Kennedy dort auch kompostieren kann. Sein Feld besuchten wir als nächstes. Er hat bereits die von ELAC eingeführte Reispflanztechnik „Single-Seed“ adaptiert. Doch neben dem Reis hat er auch Ingwer, Aubergine, Zitrone und Banane angepflanzt. Vom Verkauf dieser Früchte hat er seinen Mikrokredit bereits ein Jahr früher als geplant zurück gezahlt. Er ist wirklich ein aktives Projektmitglied mit Vorbildfunktion im Dorf. Da es langsam dunkel wurde, traten wir den Rückweg an. Am Abend saßen wir dann mit den drei Projektmitarbeiter/innen von ELAC in der kleinen Küche aus Bambus und Palmenblättern und nach und nach kamen immer mehr Dorfbewohner/innen herein, bis wirklich kein freier Platz mehr in der Küche war. Neugierig von den Erzählungen über die Study-Tour, wollten von Beatrix jetzt mehr über den Anbau von Gemüse wissen. Für mich war das wirklich eindrucksvoll mitzuerleben, wie groß das Interesse der Dorfbewohner/innen am Projekt ist und wie gut sie mit den Projektmitarbeiter/innen von ELAC klar kommen. Es ist nicht eines dieser von Europa übergestülpten Projekte, die an den Bedürfnissen der Einheimischen vorbeigehen, sondern es ist wirklich ein Community-based Project, wie es hier in den Philippinen immer genannt wird, mit der tatsächlichen Mitbestimmung der Zielgruppe. Mit diesem guten Eindruck ging ich schlafen. Leider war das Holzbett mit der dünnen Grasmatte nicht weicher geworden.
Am letzten Tag besuchte ich zwei Familien in Taratak, die ebenfalls an den landwirtschaftlichen Schulungen teilnehmen. Eine Familie pflanzt Früchte und Upland-Reis an, eine traditionelle Reissorte, die sehr wenig Wasser braucht, sehr dicke Körner hat und sehr gut riecht. Das Feld stand in guter Pracht. Die andere Familie hatte Gemüse und Erdnüsse angebaut. Sie hat sogar einen Aufkäufer gefunden, der nach Malaysia exportiert. Es zeigen sich erste Erfolge. Da die Ladefläche des Autos inzwischen leer war, kauften wir viele Früchte ein. Wir nahmen 4 Bananenstauden mit zurück in die Stadt, Starfrüchte, Calamansi-Zitronen, Ingwer, Grapefrucht und ein Huhn. Wie sich zeigte, wussten die Einwohner/innen jedoch nicht genau, was sie dafür verlangen sollen. Auch konnten einige von ihnen nicht zählen (Bananen werden z.B. pro 100 Stück bezahlt). Die ELAC-Mitarbeiter/innen konnten in diesem Fall helfen. Generell aber braucht es hierfür ein Training.
Morgen treffe ich mich zu einem abschließenden Gespräch mit den Mitarbeiter/innen des Projektes im Büro unserer Partnerorganisation ELAC in Puerto Princesa City. Wir werden eine kleine Auswertung des Besuchs im Projektgebiet machen und über die anstehenden Schulungsmaßnahmen sprechen. Ich möchte ihnen vorschlagen, dass wir die Schulungsmaßnahmen im ökologischen Landbau um ein weiteres Jahr verlängern und dort vor allem den Schwerpunkt auf Marketing legen, weil viele Einwohner/innen zwar bereits Überschüsse produzieren (z.B. Bananen, Maniok, Calamansi-Zitronen, usw. aber die Marktpreise nicht kennen und demzufolge ihre Produkte oft unter Wert „verschenken“ und keine guten Erlöse erzielen. Ich denke, hier muss das Projekt noch Unterstützung leisten, damit sich die Erntesteigerungen auch im Einkommen niederschlagen und die Familien tatsächlich finanziell besser abgesichert sind. Ich werde vom Treffen berichten. Fotos kommen, wie gesagt, morgen.
Zum Schluss dieses Berichtes sei noch Gabriele Müller ein herzlicher Dank für die letzte Spende ausgesprochen.
Herzliche Grüße
Uwe Berger