Mein Großvater Lothar von Seltmann, geboren 1917 in Graz, hatte während des Zweiten Weltkriegs in Krakau gelebt, mein Vater wurde in Krakau geboren. Ich habe – gegen den Widerstand von Teilen meiner Familie – sein Leben nachgezeichnet und in dem Buch „Schweigen die Täter, reden die Enkel“ (Büchergilde 2004, Fischer 2006) öffentlich gemacht. Was ich in jahrelangen Recherchen herausgefunden hatte, war in der Tat nicht angenehm: Mein Großvater gehörte in Lublin zum Stab von Odilo Globocnik, einem der brutalsten Massenmörder des Dritten Reiches – Globocnik war für die „Aktion Reinhardt“ und damit für den Tod von rund 1,75 Millionen Juden verantwortlich.
„Oh, my grandfather was killed in Auschwitz!“ Mit allen Reaktionen hatte ich gerechnet, nur nicht mit dieser. Ich hatte im Juli 2006, ohne es zu beabsichtigen, in einer zufälligen Runde im Café Singer in Krakau von meinem SS-Großvater erzählt. Die Polin in der zufälligen Runde, deren Großvater in Auschwitz ermordet wurde, und ich, dessen Großvater ein Polen- und Judenmörder war, wir sind in Kontakt geblieben. Im Juli 2007 haben wir in Krakau geheiratet – der Geister der Vergangenheit zum Trotz, die von Anfang an in unserem gemeinsamen Leben präsent waren.
„Es kehrt alles wieder, was nicht bis zu Ende gelitten und gelöst ist“, hat der Dichter Hermann Hesse gesagt.
Ihr Leben lang hat meine Frau wissen wollen, was mit ihrem Großvater geschehen ist. Doch sie hat nur zaghaft gefragt, und auf ihre wenigen Fragen keine Antworten bekommen. Die Angst, mit etwas Schrecklichem konfrontiert zu werden, war zu stark. Erst wir beide gemeinsam haben einen erneuten Anlauf genommen: Wir wollen nun das Leben und Sterben von Michał Pazdanowski nachrecherchieren. Diese Recherche haben wir unter das Motto gestellt: „Zwei Familien, zwei Vergangenheiten – eine Zukunft“. Die Recherche ist eine Aufgabe von gesellschaftlicher und politischer Bedeutung mit internationaler Dimension. Wir sind uns sicher: Nur wenn der offene Umgang mit der Vergangenheit gelingt, kann es zu einem Prozess des gegenseitigen Verstehens kommen und damit zu einem friedlichen Miteinander in Gegenwart und Zukunft.
Die Recherche wird uns in die ukrainischen Karpaten führen, in die Archive der Gedenkstätten Majdanek und Auschwitz, in Archive in L’viv (Lemberg), Ivano Frankivsk (Stanislau) und Warschau. Und zu Familienmitgliedern, die weit verstreut leben, zum Beispiel in Frankreich, wo die älteste Tochter von Michał Pazdanowski wohnt. Sie, Jahrgang 1938, hat als einzige noch Erinnerungen an ihren Vater, seine Verhaftung und an die Flucht mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern.
Das Ergebnis der Recherche soll in einem Buch und auch in einem Dokumentarfilm veröffentlicht werden; deutsche und polnische Verlage und Sendeanstalten haben Interesse signalisiert. Doch die Recherche muss zunächst finanziert werden.
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