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„Massenmarkt “ vs. „Nischenprodukte “

Eine der wichtigsten Inspirationen für betterplace.org war Chris Andersons These des Long Tail und je mehr Erfahrungen wir auf der Plattform sammeln, desto mehr bestätigt sich Andersons Theorie, dass die Zukunft nicht mehr dem Massenmarkt, sondern Nischenprodukten gehören wird.

Worum geht es beim Long Tail?
2004 veröffentlichte Chris Anderson, Chefredakteur von Wired Magazine, seinen Artikel über The long tail. Anderson (der seine Thesen zu einem Buch erweiterte The Long Tail: Why the Future of Business Is Selling Less of More (welches den unsäglichen deutschen Titel Der lange Schwanz trägt) stellte die Behauptung auf, dass mit dem Aufkommen des Internets Nischenprodukte enorm an Bedeutung gewinnen würden und in ihrer Gesamtheit mehr Volumen ausmachen und profite generieren, als konventionelle Massenprodukte.

Der Long Tail der Musik
Er illustrierte diese Geschäftsdynamik mit der Musikindustrie. Vor dem Internetzeitalter bestand „die Musikindustrie“ aus den wenigen Tausend Schallplatten, bzw. CDs, die von ein paar Tausend Musikern produziert wurden. Die Musikindustrie war ungefähr so umfangreich, wie ein großer Musikladen – der Virgin Store unserer Kindheit – Lagerplatz hatte. Das Internet hat diesen Markt völlig auf den Kopf gestellt: da es keine Kapazitätenbeschränkungen für Lagerplatz gibt und räumliche Distanzen mühelos überwunden werden können, ist die Musikindustrie heute viel, viel größer. Eine Band die Psycho-African-Trance-Reggae (ein echtes Nischenprodukt) spielt, kann Songs produzieren und auch verkaufen, da ihre 500 Fans zwar in der ganzen Welt verteilt sind, aber den Song dennoch herunterladen oder für die CD bezahlen. Zusammengezählt generieren diese Nischenprodukte mehr Profit als die alte Musikindustrie.

Der Long Tail der Hilfe
Nachdem er sich das erste Mal mit Anderson beschäftigt hatte, entwickelte Stephan die These, dass es auch einen Long Tail des sozialen Engagements geben müsste. Auf unseren Reisen hatten wir viele kleine Organisationen gesehen, die Armut oder Bildungsnot z.T. sehr effektiv bekämpften, aber für alle Menschen außerhalb ihrer kleinen Gemeinschaft unbekannt waren. Kombiniert man aber die Arbeit, Gelder und Wissen, welches in diese vielen kleinen Initiativen fließt, haben sie ein größeres Volumen als das der traditionellen Hilfsindustrie, die von großen Organisationen wie World Vision, Care International oder Oxfam dominiert wird .

Wäre es nicht fantastisch diese vielen kleinen Initiativen einer großen Anzahl von Menschen zugänglich zu machen, die über eine Internetplattform die Möglichkeit hätten direkt miteinander in Kontakt zu treten? Und das kostenlos!

Potentielle Unterstützer mit sehr ausdifferenzierten Interessen können auf einem offenen Marktplatz genau die Initiative finden, die sie unterstützen wollen. Als Anthropologin habe ich die höchst diversen Lebenswelten von Bevölkerungen, in Deutschland ebenso wie in China, studiert. Marketing Experten teilen Gruppen in immer kleinere Nischen auf, wie z.B. die US-amerikanische Agentur Claritas, die die Chinesisch-Amerikanische Bevölkerung in 5 Lebenstilgruppen, von Young Literati bis Money & Brains aufteilt. 

Warum sollten wir davon ausgehen, dass diese Gruppen ihre Zeit, ihr Geld und ihre Expertise nur den üblichen Verdächtigen, den großen Hilfsorganisationen, zur Verfügung stellen wollen? Stattdessen kommen sie vielleicht gerade von einem Urlaub aus Tanzania zurück und haben dort gesehen, dass es Frauen schlecht geht. Oder das dort Albinos ermordet oder Homosexuelle verfolgt werden. Und sie wollen genau in diesem Bereich einen Unterschied machen.

Idealerweise findet man auf einem Marktplatz wie betterplace.org genau die Organisation die hier ansetzt und bespendet z.B. diese Organisation

Ich möchte Obdachlosen helfen
Wie eingangs beschrieben, finden wir bei betterplace Andersons These immer wieder bestätigt. So fertigte Angela Ullrich, die für das Projekteteam Datenanalysen macht, eine Übersicht des deutschen Privatspendenmarkts an, der ein Jahresvolumen von ca. 4 Milliarden Euro hat. Sie konnte 240 Organisationen namentlich identifizieren. Diese Organisationen erhalten 48% des gesamten Spendenvolumens. Der Rest – d.h. 52%! – geht an unbekannte Organisationen, meist kleine Vereine und Stiftungen. Da ist er: der long tail der Hilfe und genau ihn sehen wir (neben den großen, renommierten Organisationen) täglich als Neuregistrierungen auf betterplace.

Und noch ein Beispiel: Vor einiger Zeit registrierte sich ein  fundraising team auf betterplace und gewann sehr schnell an Momentum (mittlerweile gibt es 406 Teammitglieder, die alle mindestens 1 € in den Topf eingezahlt haben).

Das Team war von den Hamburger Machern von Pennergame.de initiiert worden, einem deutschen online Spiel. Da Pennergame sich um Obdachlosigkeit dreht, wählten die Produzenten 3 Hamburger Obdachlosenprojekte aus und forderten ihre Mitglieder auf der Startseite auf dem Team beizutreten und auf die Projekte zu spenden.

Im Zweifel gehören die Spieler von Pennergame nicht unbedingt zur klassischen Spendergruppe. Sie engagierten sich auf betterplace, da das Spiel einen etwas zweifelhaften Ruf hat, dem sie etwas entgegensetzen konnten. Aus den über 500 Kommentaren die die Aktion auf dem Pennergame blog provozierten, kann man herauslesen, dass sie froh waren ihrer Umwelt zu signalisieren, dass sie Obdachlose nicht nur „benutzen“ und im Spiel simulieren, sondern sich real für eine Verbesserung ihrer Lebensumstände einsetzen.

 Auf betterplace fanden sie genau die Projekte, die zu ihrem speziellen Anliegen passten. Sie konnten mit wenigen Schritten zu ihrer Realisierung beitragen und machten die Erfahrung, dass – obwohl ihre individuellen Beiträge meist klein waren – sie in der Masse wirklich große Summen zusammen bekommen konnten (in diesem Fall mittlerweile 10.179€).

Kategorien: Allgemein
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Geschrieben von am 30.05.2009. Zuletzt aktualisiert am 30.05.2009.

1 Kommentare zu “Der Long Tail der Hilfe”

  1. [...] sehr, sehr viele kleine Organisationen geht. Dies ist der „Long Tail“ am Spendenmarkt (vgl. „Long Tail der Hilfe“).  Gestützt wird diese These durch die Tatsache, dass es in Deutschland mehr als 550.000 [...]

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